Mord mit Aussicht – eine unnötige Neuauflage

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Warum Kopieren nicht immer erfolgreich ist.

Gestern flimmerten die ersten Folgen der neuen, vierten Staffel von Mord mit Aussicht über den Bildschirm.

8 Jahre sind seit der letzten Staffel und dem eher mittelmäßigen Kinofilm vergangen. Eine lange Zeit. Aber das juckt offensichtlich niemanden beim Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen. Lieber auf Althergebrachtes setzen und in bekannten Gewässern paddeln, statt mutig etwas Neues zu entwickeln. Nun wird den Fans also dieses Remake einer Kultserie aufgedrückt.

Was ist es denn nun? Fortsetzung, Remake oder Reboot?

Wahrscheinlich eine Mischung aus allem, aber das ist hier auch unerheblich. In einer Rezension las ich etwas von „erfrischend neu“ und „verharrt im Altbekannten“ gleichzeitig. Neues habe ich wirklich wenig entdeckt. Es sind dieselben Skurrilitäten, dasselbe Setting – nur mit weniger Esprit aufgewärmt. Keiner der Hauptdarsteller ist mehr dabei. Das hätte die Möglichkeit eröffnet, neue Charaktere einzuführen und ihr Beziehungsgeflecht anders zu gestalten. Diese Serie entstand aber am Reißbrett unter der Prämisse „ja auf Nummer Sicher gehen“. Und weil man meinte, die Erfolgsformeln erkannt zu haben, sehen wir wieder eine Kommissarin aus Köln (Katharina Wackernagel), die strafversetzt in der eifeligen Provinz ermitteln muss. Ihr zur Seite stehen ein trotteliger Wachtmeister und eine naive Kommissaranwärterin. Kommt das irgendwie bekannt vor? Es ist dieselbe Konstellation des erfolgreichen Vorgänger-Trios. Und weil Kult-Schäffer damals eine peinlich des Todes Frisur durch die Gegend trug, muss sein Nachfolger Heino Fuss eine ebenso fremdschamige Dauerwelle auftragen. Der Dietmar und die Bärbel waren Dorfpolizisten mit liebenswürdigen Eigenheiten, aber Heino und Jennifer sind einfach nur naive Dorftrottel. Soviel Abwertung und Demontage von Charakteren war selten. Wie desinteressiert an seinen eigenen Figuren kann man sein?

Damit sich die Fangemeinde wenigstens ein bisschen in diesem fremdgewordenen Hengasch wiederfindet, wird eine ganze Reihe bekannter Nebendarsteller aufgefahren. Der Kommissar a.D. Zielonka ist wieder mit dabei, Lydia Auerbach darf immer noch als pampige Wirtin den Gasthof Aubach führen, Gelegenheits-Leichenbeschauer Dr. Bechermann darf wieder Herzinfarkt-Diagnosen stellen (nein, nicht mal das) und Heike Schäffer wuselt als Faktotum überall herum. Muschi übrigens ohne Bär, weil ihr Dietmar bei einer unglücklichen Verkehrsregelung zwischen Traktor und Lastwagen sein Leben ließ und Muschi zur Witwe machte. Die Bärbel war wohl irgendwie schuld am Unfalltod des Kollegen und quittierte daraufhin den Dienst. Was mit Frau Haas geschah … wer weiß das schon? Abgesehen von dieser dahingerotzten Erklärung für das Verschwinden der tragenden Rollen, wirkt es in der Auftaktfolge gerade so, als ob es die vorherigen 40 Folgen Mord mit Aussicht nie gegeben hat. Zielonka und Heike Schäffer sind plötzlich ein grummeliger Meckerkopp und eine verhärtete Witwe. Frau Ziegler (die mit dem Rollator) redet plötzlich. Sympathie kommt hier nicht mehr auf.
Offensichtlich wusste man nicht so recht, wie man das ganze in Szene setzen soll. Letztlich entschied man sich für den faulsten aller Kompromisse. Eine Remake als gleichzeitige Fortsetzung. Das fand ich schon frech.

Was die Macher nie verstanden haben: Es war nicht Hengasch als solches, nicht die Mordfälle und auch nicht unbedingt die oft platten Witze. Die Serie war nur aus 3 Gründen Kult. Und diese Gründe lauteten: Sofie + Dietmar + Bärbel.

Man könnte dieselben Folgen 1:1 neu verfilmen, es wäre nicht lustig. Woran das liegt? Wenn ich Katzeklo singe, ist das mäßig unterhaltsam. Wenn Helge Schneider es singt, liegt das Publikum vor Lachen auf dem Boden. Die Fans akzeptieren keinen Figuren-Ersatz.
Katharina Wackernagel, Sebastian Schwarz und Eva Bühnen mögen gute oder auch hervorragende Schauspieler sein, aber sie sind hier auf einer unmöglichen Mission unterwegs. Sie sollen uns Sofie, Dietmar und Bärbel geben, aber sie haben nur Marie, Heino und Jennifer im Angebot. Der Fan bekommt den offensichtlichen Betrug mit und wendet sich enttäuscht ab. Die Figuren haben keine Chance, weil sie nur unglaubwürdige Abziehbildern statt lebendige Neuerfindung sind. Wenn man weiß, dass etwas nicht zu ersetzen ist, warum versucht man es dann doch? Faulheit? Und so sehr ich es auch begrüße, dass Frau Wackernagel ihrer Kommissarin die Überdrehtheit einer Sofie Haas nimmt, so sehr langweilt mich diese Frau. Caroline Peters war zwar mit ihrer andauernden Grimassenschneiderei und 120 Prozent auch nicht so mein Fall, aber so zog sie Aufmerksamkeit auf sich. Frau Wackernagels Rolle zündet überhaupt nicht, was einfach an ihren limitierten Fähigkeiten und am Fremdeln mit der Rolle liegt. Einer im Grunde ernsthaft angelegten Figur etwas Komisches abzugewinnen, setzt Timing und ein Gespür, zu wissen wann man lustig rüberkommt, voraus. Das klingt jetzt hart, aber niemandem ist durch Verschweigen oder Beschönigen geholfen. Wenn man auf einen Death in Paradise Effekt gehofft hatte – dafür ist Marie Gabler einfach nicht starr und pedantisch genug. Ihre Abneigung gegenüber der Provinz wird nicht prägnant und glaubhaft vermittelt. Bereits in Folge 2 wirkt sie fast schon sozialisiert. Bei Agatha Raisin beispielsweise sind die Gegensätze viel krasser angelegt und werden durch Jensen bis zur Schmerzgrenze ausgearbeitet. Ich habe auf Momente gewartet, wo die Schauspieler ihren Figuren etwas Eigenes mitgeben dürfen, aber entweder habe ich das verpasst oder es ist nicht vorgesehen. Wird Heino Fuß nun auf ewig seine Büropflanze einsprühen dürfen?

Können Webdesigner und Marketer daraus lernen?

Soviel Text um eine Unterhaltungsserie im Fernsehen – können wir daraus etwas für das Tagesgeschäft mitnehmen?

Ich denke schon.

Es ist bei Fernsehserien oder Kinofilmen und Büchern nicht anders als bei Webseiten, Werbung und Kommunikation. Es heißt ja immer: Stärken stärken und Schwächen schwächen. Wenn man also ein gut gehendes Produkt oder Unternehmen vorliegen hat, dann finde man heraus, worauf sich der Erfolg letztlich gründet! Was ist die Basis und was sind nur die sich daraus ergebenden Erscheinungen? Kann man ein Erfolgsrezept überhaupt beliebig oft wiederholen? Lässt sich Magie künstlich herbeiführen? Bei Mord mit Aussicht kam die Magie ja auch nicht aus dem Nichts oder durch Verrühren von ein paar Zutaten. Die Magie wurde erst durch die Hauptdarsteller und ihr aufeinander abgestimmtes Zusammenspiel kreiert. Alles war glaubhaft und stimmig. Ich weiß nicht, ob es auf Polizeistationen in der Eifel wirklich so ist, wie bei Mord mit Aussicht geschildert, aber ich könnte es mir zumindest so vorstellen.

So viele Webseitenbetreiber, -designer oder Geschäftsleute kopieren Erfolgsformate und wundern sich, warum sich nicht dasselbe Maß an Erfolg einstellt. Eine Und warum macht man so etwas? Weil stumpfes Kopieren einfacher und günstiger ist, als sich damit zu beschäftigen, warum etwas so gemacht wurde. Wir reden hier nicht von Kopieren im Sinne von „Übernehmen“ oder „sich Anregungen holen“. Es gibt nun mal nur ein iPhone, einen Tesla, ein Amazon. Schlecht gemachte Kopien davon braucht kein Mensch. Höchstens Alternativen. Man muss seine eigene Geschichte erzählen, mit seiner eigenen Sprache.

Mir ist nach über 20 Jahren im Geschäft natürlich bewusst, dass das oftmals die Vorgabe des Kunden oder Auftraggeber ist: „Genau wie Seite xyz von Firma abc“. Kopieren. Und Höchstwahrscheinlich ist sogar das Vorbild bereits eine Kopie und niemand kann mehr sagen, weshalb alle plötzlich drei schwebende Boxen auf der Startseite haben, in denen Text gequetscht wird, der bereits nach 2 Wörtern umbricht.
Ist das der Fall, dann versucht wenigstens bei einigen Sachen eine Einzigartigkeit oder Andersartigkeit herbeizuführen. Kopiert nicht einfach etwas, das zwar auf einer anderen Webseite funktioniert haben mag aber in eurem Projekt keinen Sinn ergibt.
Sich den Spielregeln komplett zu versagen, nur weil bereits jemand mit einer bestimmten Kampagne, einem Design oder Funktionalität erfolgreich war, ist nun auch wieder Quatsch. Gewisse Faktoren und Rezepte machen manchmal einfach Sinn. Das sollte man anerkennen und seine Schlüsse draus ziehen. Gerne darf man sich auch an bewährter Methodik bedienen, nur einfaches Abkopieren sollte nicht ins Repertoire gehören. Damit rennt man nur dem Trend hinterher und ist mehr Getriebener als Trendsetter.

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Artikel online seit: 1 Jahr 10 Monaten 24 Tagen
Letzte Änderung: 18.03.2022

1 Gedanke zu „Mord mit Aussicht – eine unnötige Neuauflage“

  1. dem kann mann nur zu 100 % zustimmen

    schade für die Gebühren, die dafür aufgewendet werden

    das gilt auch für die Rentnercops oder Hubert und Staller und die ganzen Kochshows

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