Die Beurteilung anderer Webseiten

Vorgehensweise, Probleme und best practice bei der Analyse fremder Webseiten.

Fast täglich analysiere ich Webseiten und bewerte, ob sie ihrer ureigensten Aufgabe – der Kommunikation und Informationsvermittlung – gerecht werden. Dabei werden das Design, die Funktionalität und die Inhalte betrachtet. Diese Analyse kann im Kundenauftrag geschehen oder als Freundschaftsdienst. Gar nicht mal so selten untersuche ich fremde Seiten, um sie mit meinen Webseiten zu vergleichen und im besten Fall etwas zu übernehmen. Ja, man lernt erstens nie aus und zweitens können auch andere Menschen Recht haben. In den Fällen, wo ich den Leuten meine Ansichten mitteile, möchte ich den Betreibern meine Erfahrungen und mein gesammeltes Wissen zugute kommen lassen. Schließlich sollte niemand mit einer suboptimalen Webseite am Markt vertreten sein. Glauben sie mir, es gibt unzählige Webseiten da draußen mit Optimierungspotential – bis hin zu einfach schlecht gemachten Auftritten. Es spielt letztlich keine Rolle, wo dieses „schlecht gemacht“ herrührt. Wichtig ist nur, diese Punkte zu identifizieren, zu benennen und Verbesserungsvorschläge zu unterbreiten.
Formalistisch handle ich nach der No-Bullshit Devise. Das bedeutet:

  • Nicht um den heißen Brei reden
  • Auf den Punkt kommen
  • Sagen, was zu sagen ist und weglassen, was nicht ist
  • eine klare Sprache verwenden

Vor vielen Jahren habe ich einmal einen Vortrag über die Möglichkeiten von social media (damals zu 90 % nur Facebook) bei einem Tourismusverband gehalten. Clash of Cultures: Einige Verbandsmitglieder erhielten zuvor eine Schulung im Rahmen einer Förderung des Wirtschaftsministeriums über den Einsatz von Facebook zur Bewerbung ihrer touristischen Region. Es wurde dort allen Ernstes den Leuten geraten, auf ihren Facebook-Seiten regelmäßig themenfremde Beiträge einzustreuen, damit a) ein regelmäßiger Stream of Content gewährleistet ist und b) von der Reichweite und Beliebtheit des externen Beitrages profitiert werden kann. Als Beispiel wurde damals die Facebook-Fanpage „Lisa der kleine Dackelhund“ genannt. Die Älteren erinnern sich. Vielleicht.
Warum in aller Welt sollte zum Beispiel der Tourismusverein Berchtesgadener Land lustige Hundegeschichten auf seinem Account posten? Was hat so ein Inhalt dort zu suchen? Welcher Leser erwartet das auf so einer Seite und was hat er davon? Was hat der Betreiber davon? Wenn man so eine Plattform nicht mit Veranstaltungen, Angeboten oder Ausflugtips befüllen kann und man gezwungen ist, Dackelgeschichten einzustreuen – dann stimmt etwas grundsätzlich nicht! Wenn man auf seinem eigenen Kanal Posts von einem kleinen Dackelhund teilt, profitiert nur einer davon: der kleine Dackelhund.
Meine Kritik an dieser Handlungsempfehlung erschien meinem Publikum aber nicht wirklich einleuchtend. Schließlich stand mein Wort gegen das einer Agentur, die vom Wirtschaftsministerium des Bundeslandes (!) beauftragt worden war.

Bei der Strategie (was Positionierung und Imageaufbau betrifft) gehe ich immer davon aus, dass der Webseitenbetreiber ein möglichst authentisches Bild von sich und seinen Leistungen oder Angeboten zeichnen möchte bzw. sollte.
Das ist das Eine. Auf der anderen Seite steht die Erkenntnis, dass es nun mal Zielgruppen und Käuferschichten gibt, die zum Anbieter passen und explizit angesprochen werden wollen. Sie wissen schon: Wurm, Fisch, Angler – schmecken. Man kann versuchen, alles möglichst allgemein und unspezifisch zu halten, um auch ja keinen potentiellen Käufer zu verschrecken, aber dann läuft man eben auch in Gefahr, bei der eigentlichen Zielgruppe wegen Beliebigkeit aus dem Fokus zu geraten. Jeder der z.B. denkt, dass doch letztlich alle Menschen eine Kinderschrift wie Comic Sans Serif lieben und sie deshalb einsetzt, macht grundlegend etwas falsch. Ich würde nie zu einem Anwalt gehen, der diese Schrift ganz bewusst auf seiner Visitenkarte einsetzt und dann aber einen dreistelligen Stundensatz anschlägt.

Darum ist Kritik an Webseiten so schwer

Die Webseitenbetreiber bzw. Kunden bekommen schnell mit, wie ich denke und worauf meine Einschätzungen beruhen. Ich versuche ja, meine Kritiken immer zu begründen. Auch wenn man sich einer sach- und ergebnisorientierten Arbeitsweise verschrieben hat, funktioniert die Kommunikation nicht immer wie gewollt. Problematisch und heikel wird es, wenn die Webseiten und/oder Werbemittel von den Firmeninhabern höchstselbst erstellt werden. Weil da jede Menge Herzblut und Eigenleistung dranhängt, trifft so eine Kritik den Menschen zuerst einmal auf der persönlichen Ebene. Die Trennlinie zwischen der Arbeit einer Person und der Person selbst ist sehr dünn. In diesem Bereich fast gar nicht vorhanden. Man kritisiert die Arbeit und beim Empfänger kommt an: man beurteilt ihn als Mensch. Dann wird die Zugbrücke hochgezogen und eine Abwehrhaltung eingenommen. Das passiert und ist nur menschlich.

Der Anfragende muss sich vorher überlegen, was er sich von der Analyse erwartet, was seine Zielstellung sein soll.

Wenn sie einfach nur Bestätigung suchen, fragen sie Freunde, Verwandte und Bekannte um ihre Meinung. Da hören sie ganz selten ein kritisches Wort. Allerdings sollten sie sich dann auch mal fragen, ob Opa Horst oder Tante Gisela die Erfahrung und Expertise haben, um hier ein objektives Urteil abzugeben. Oder ob der Freund/die Freundin alles in den höchsten Tönen loben, weil sie ihnen ein gutes Gefühl bereiten wollen. Sicher, auf der emotionalen Ebene mag das sehr willkommen sein, aber das wird sie geschäftlich nicht weiterbringen.

Was sie mit Sicherheit weiterbringen wird, ist ein fundiert arbeitender Dienstleister, der ihnen nicht nach dem Mund redet und auf der professionellen Ebene begegnet.
Denn ich bin nach meinem Selbstverständnis nicht derjenige, mit dem sie auf besagter emotionalen Ebene agieren sollten. Ich bin derjenige, der ihnen ein saures Zitronenbonbon verabreicht – wie ich weiter oben schrieb: die Dinge ansprechen und dabei auf den Punkt kommen. Sie können dieses Zitronenbonbon in noch so viel buntes Papier einwickeln – ausgewickelt und gelutscht stellt sich unweigerlich das saure Geschmackserlebnis ein. Ich weiß, das empfinden die wenigsten als angenehm, weshalb ich mir mit der Zeit eine behutsamere Vorgehensweise angeeignet habe. Sie wissen schon: zuerst mit dem Positiven beginnen, loben, alles möglichst neutral formulieren usw.

Durch fundierte Kritik und damit einhergehende Handlungsempfehlungen versuche ich, eine Qualitätssteigerung ihrer Außendarstellung zu bewirken. Also gehe ich davon aus, dass man mich aus derselben Motivation heraus engagiert. Meine Arbeit gilt dabei einzig und allein der zu bewertenden Seite, denn es ist der Fisch, dem der Wurm schmecken muss.

Fazit

Zum Schluss noch etwas: jeder seriöse Webdienstleister wird dieselbe Zielsetzung verfolgen. Durch eine gute Webseite ihr Geschäft erfolgreicher werden lassen. Es wird wahrscheinlich hier und da einige Cracks und Nerds geben, denen es einfach nur Freude bereitet, andere in Grund und Boden zu kritisieren. Die sind aber nicht seriös und scheiden aus.
In den anderen Fällen kann es ihnen passieren, dass sie völlig verschiedene Einschätzungen und vor allem Empfehlungen zur Umsetzung erhalten. Der eine empfiehlt A, während der andere aber auf B beharrt, und beide können Recht haben. Viele Wege führen nach Rom und einen Königsweg gibt es nicht. Das wichtigste hierbei ist, dass die Kritik und die Änderungen begründet werden. Ist es nachhaltig? Kann ich das vielleicht mit Zahlen belegen? Anhand der Begründungen müssen sie dann entscheiden, ob sie diesem Weg folgen möchten. Ich beispielsweise springe nicht gleich auf jeden neuen Zug auf, der gerade vorbeifährt. Wenn sie immer das Neueste haben wollen, müssen sie nämlich permanent an der Webseite arbeiten, statt dass die Webseite für sie arbeitet.

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