Warum WordPress Webseiten häufig ein falsches Theme einsetzen

Statistiken zufolge soll ein Viertel aller Webseiten weltweit mit WordPress betrieben werden. Die Bandbreite bei den Nutzungsarten ist dementsprechend groß: Blogs im ursprünglichen Sinn, Webshops, Communities, Affiliate-Seiten, Nachrichten Magazine, Gaming-Portale, Unternehmenswebseiten, Tierschutzvereine … Für alles Mögliche wird WordPress verwendet. Mal mehr, mal weniger erfolgreich.
Die größte Entscheidung, die Webseitenbetreiber bei WordPress machen, ist die Wahl des Themes. So kommt es mir bei der täglichen Lektüre der Forumsanfragen vor. Und hier behaupte ich dann auch, dass ein nicht unerheblicher Teil dieser Nutzer einfach das falsche Theme im Einsatz hat. Falsch im Sinne von ungeeignet oder unpassend. Meistens sind die Themes viel zu „groß“, zu komplex und mit zuviel Pflegeaufwand behaftet. Wenn dann ein neues WordPress Update draußen ist, ein Plugin aktualisiert oder die PHP Version beim Webhoster umgestellt wird, quittiert die Webseite das mit Fehlern.

Warum ist das so?

Die heutigen Verkaufsschlager sind Multipurpose Themes, die so ziemlich jede auch nur denkbare Funktion abdecken, mit Pagebuildern daherkommen und in der Installation teilweise größer sind als das WordPress Kernsystem. Es sind Verkaufsschlager, weil die Mehrzahl der Webadmins bloße Anwender sind und von der zugrundeliegenden Technik und Konzepten keine Ahnung haben. es ist wie mit einem modernen Auto. Wer weiß heute schon, wie es intern funktioniert? Muss man überhaupt mehr wissen, als wo sich der Tankstutzen befindet und was für Kraftstoff da überhaupt rein gehört? Für den Rest gibt es die Werkstatt. Irgendwie verständlich.
Je verbreiteter etwas in der Anwendung ist, desto ausgeprägter sein Blackbox-Charakter und zu immer unwissenderen Benutzern werden wir degradiert.
Das ist im Webgeschäft genauso. Nur, der Unterschied ist folgender: das Auto an sich kostet Geld. Der Unterhalt kostet (eine Menge) Geld. Dafür kann ich mich als Autobesitzer und -fahrer auf folgendes verlassen: ich habe etwas gekauft, das sicher und wie versprochen funktioniert. Handhabung und Gebrauch sind keine Raketenwissenschaft und wenn etwas kaputt ist, kann es entsprechend repariert werden. Ich muss keine Sorge haben, dass es dieses oder jene Ersatzteil nicht gibt und die Reparatur und vor allem der anschließende Gebrauch nicht möglich sind. Manchmal muss ich auch damit rechnen, dass herumgetrickst wurde – vor allem, wenn es einen Dieselmotor hat – aber das ist eine andere Geschichte. Anschaffung und Betrieb sind auf mehrere Jahre ausgelegt, auch wenn es die Industrie aus Profitgründen gerne sähe, wenn wir uns viel öfter mal was neues leisten. Aus diesen Gründen bezahlte man eben gutes Geld.
Bei so Webzeugs und im Speziellen WordPress haben viele Nutzer eine ganz andere, dem entgegengesetzte Erwartungshaltung. Plugins und Themes dürfen nur wenig bis gar nichts kosten (WordPress selbst ist kostenlos), sollen aber denselben Bedienkomfort, Funktionsumfang und Langlebigkeit aufweisen, wie eine Nobelkarosse aus dem Hause Daimler. Jetzt würde ja die Logik eigentlich das besagen: es weist eine gehobene Qualität auf und das zu einem geringen oder gar keinem Preis, also müsste dies durch ein gehörig Maß an Verständnis der Materie (bzw. Einarbeitung) kompensiert werden. Pustekuchen. Da sich niemand dieser Logik auch nur ansatzweise beugen will, ist eine suboptimale Situation entstanden. Die Anbieter von WordPress Themes reagieren auf dieses Paradoxon, indem sie ihre Produkte mit allen denkbaren Features und Einstellungsmöglichkeiten vollstopfen, um den Käufer nicht zu verlieren. Den Interessenten bloß nicht dazu zwingen, Basiswissen mitzubringen, die Vorgänge unter der Motorhaube ansatzweise zu verstehen. Das könnte sich negativ auf die Kauflust auswirken. Wollte man früher etwas Grundlegendes am Theme ändern, ohne in Gefahr zu geraten, diese Änderungen beim nächsten Theme-Update zu verlieren, hat man ein Child-Theme aufgesetzt. Weil aber der gewöhnliche Anwender das Parent – Child-Theme Prinzip bei WordPress nicht versteht, gibt es diese Monsterthemes, die ein Child Theme überflüssig machen. Dann wird auch ein noch so kleines Inhaltselement in seiner optischen Darstellung (Schriftgröße, Schriftart, Laufweite, Farbe, Abstand und Hintergrund) über Häkchen und Schieberegler im Customizer gesteuert. Für die Darstellung benötigtes CSS wird in der Datenbank abgelegt usw. Vielleicht will der Anwender da auch gar nichts ändern oder einstellen – aber er soll können, wenn er denn wöllte. Das trifft auch auf Funktionen zu, die normalerweise in die Verantwortung eines Plugins gehören. Was nicht bei 3 auf den Bäumen ist, wird in das Theme integriert, sonst sieht sich der Kunde womöglich nach einem neuen Theme um. Kostet ja nicht allzu viel. Weil eine auf die Bedürfnisse eines jeden Kunden zugeschnittene Programmierung und Themeerstellung auf den ersten Blick um ein Vielfaches teurer klingt, gibt es diese Alleskönner-Themes von der Stange, die einfach alle möglichen Anwenderszenarien abdecken, damit jeder es nutzen kann.
Ein solides und robustes Theme, handwerklich gut erstellt und nur mit der ihm ureigensten Aufgabe der Webseiten-Darstellung betraut – würde problemlos mehrere Versionswechsel des WordPress Kernsystems, viele Updates von hochwertig programmierter Plugins, ja sogar neueren PHP Versionen auf dem Server überstehen – ohne dass es zu groben Darstellungsfehlern oder Aussetzern im Seitenbetrieb käme. Natürlich müssten auch solche Seiten regelmäßig gewartet werden, aber der Aufwand hält sich doch sehr in Grenzen. Auf der langen Distanz ist ein maßgeschneidertes Theme sogar günstiger, auch wenn es bei der Anschaffung teurer ist.
Die Ist-Situation wird durch ein grobes Mißverhältnis zwischen individuell erstellten Themes und Massenprodukten gekennzeichnet. Alle Nase lang gibt es Hilferufe von WordPress Verwaltern wegen ihrer nicht funktionierender Seiten, dem Pagespeed, Layoutfehlern oder Einbrüchen. Die Themes sind einfach zu groß, oftmals zu schlecht programmiert (weil zu günstig im Preis) und wenn nicht jede Komponente auf Sicherheitslöcher überprüft und aktualisiert wird, auch noch ein Sicherheitsproblem.
Die meisten Webseitenbetreiber bräuchten eigentlich nur ein ganz einfaches Theme zur Darstellung von Inhalten und ein oder zwei spezielle Funktionen, die man mit einem extra erstellten Plugin abdecken könnte. Stattdessen sind sie mit Schlachtschiffen wie Divi oder Avada unterwegs und ständig am Updaten oder Support-Ticket eröffnen. Bei wievielen WordPress Webseiten es in letzter Zeit zu Theme-basierten Problemen kam, weil die Webhoster nun endlich mal ihre PHP 5.6 Versionen ausmisten – kann ich schon nicht mehr zählen.

Was sind die Konsequenzen und wie kann man das verhindern?

Wichtig ist, dass ihr begreift, dass es ein rundum-sorglos-Paket nicht zum Unkostenbeitrag gibt. Gutes Webdesign hat seinen Preis. Wer Qualität will, muss den entsprechenden Preis zahlen. Wer zum billigsten Angebot greift, zahlt durch nachträgliches Herumgefrickel und Flickschusterei einen noch viel höheren Preis. Ich kenne Leute, die sind gezwungen, täglich an ihrer Webseite herumzudoktern. Mag ja sein, dass denen das Spaß macht, aber deren Kerngeschäft liegt eigentlich woanders. Wichtige Dinge bleiben unerledigt, die langsame oder nicht funktionierende (ab und zu auch mal nicht sichtbare) Webseite schreckt die Kundschaft ab und die Fehlerbehebung kostet Zeit, Geld und Nerven.
Liebe Kunden, liebe Leser – falls ihr das rechtzeitig lest (rechtzeitig heißt bevor ihr mit dem Seitenaufbau anfangt): es muss nicht so kommen 😀
Man kann das auch anders handhaben.

  • Vorher macht ihr euch einfach Gedanken, was für eine Webseite ihr überhaupt braucht.
  • Erstellt ruhig ein schriftliches Konzept.
    Erstellt das gemeinsam mit einem Webdienstleister.
  • Gute Web-Arbeit fängt bei der Beratung im Vorfeld an, nicht erst auf Pixelebene.
  • Trennt Funktion von Design.
    Was sollen die Webseitenbesucher mit oder auf eurer Seite tun? Wie soll das optisch aussehen, was sie da tun? Löst euch von dem Gedanken, dass ihr dieses oder jenes optische Feature unbedingt benötigt, „weil das alle haben“. So verselbständigen sich Spielereien und Kinkerlitzchen und führen zum exzessiven Mißbrauch von Slidern, Parallaxeffekten oder speicherhungrigen Animationen.
  • Legt euch auf ein klares Design fest und kommuniziert das dem Dienstleister.
    Wenn ihr euch von Vornherein darauf einigt, dass jede H1 Überschrift auf der Webseite diese oder jene Schriftart, eine Größe von abc und die Farbe xyz haben soll – dann braucht es dafür auch kein eigenes Bedienfeld im Backend-Customizer oder den Theme-Einstellungen, um das im Nachhinein zu ändern. Wann immer ihr den Eindruck habt, so eine Option zu benötigen, ist das ein gutes Anzeichen dafür, dass euer Designentwurf nichts taugt oder ihr schlichtweg keinen gemacht habt.
  • Verzichtet wenn möglich auf Pagebuilder, wie sie fast immer mit Multipurpose Themes ausgeliefert werden.
    Die blähen nur den Code auf und das was sie letztlich im Frontend ausgeben, bekommt man fast immer auch mit guter Handwerksarbeit hin. Außerdem lassen sich die Inhalte nicht auf eine andere Webseite exportieren, wenn diese nicht denselben Pagebuilder verwendet.

Viele Themehersteller gehen dazu über, eine jährliche Gebühr zu erheben. Einige knüpfen das nur an den Support, andere liefern dann einfach keine Updates mehr. Es gibt natürlich auch Themes von der Stange, die gut gemacht sind und dieses Lizenzmodell durchaus rechtfertigen. Lasst euch da aber beraten, zu welchem ihr greifen sollt, wenn es denn unbedingt Massenware sein muss. Allein aus den Werbetexten und den Buzzwörtern werdet ihr nämlich nicht schlau.

Mein persönlicher Tip wäre hier aber,

  • sich vom Dienstleister des Vertrauens ein individuelles Theme erstellen zu lassen (meinetwegen auf Basis eines Starter-Themes oder Boilerplates) und es so einfach wie möglich zu belassen.
  • Layout und Funktion sollten soweit wie möglich getrennt bleiben.
    Das was an Funktionen gebraucht wird, genauso vorher abklären wie das Design und dann entweder sauber in ein Plugin gießen (somit ist das Funktionieren selbst dann gewährleistet, wenn doch mal das Theme gewechselt wird) oder ein Plugin suchen, das den Zweck erfüllt.
  • Neben einer sauberen Codierung ist auch eine ausreichend ausführliche Dokumentation ein Muss.
  • Ein guter Webdienstleister wird euch anbieten, auch die nötigen Anpassungen vorzunehmen und Anpassungen in kleinerem Ausmaß wird es immer geben.
    Aber das ist nichts im Vergleich zu Themes, bei denen sich der Hersteller nicht um Updates oder die Weiterentwicklung kümmert. Ja, da kommt Arbeit zusammen und diese Arbeit will auch bezahlt werden – aber es ist sinnvoll investiertes Geld. Ihr wollt euch ja auch kein Auto kaufen, für das es nach anderthalb Jahren keine Ersatzteile oder TÜV mehr gibt.

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