Website Launch – warum der Zeitpunkt so wichtig ist

Gestern hat in einer Facebookgruppe jemand seine Webseite vorgestellt, die er gerade an den Start gebracht hat und auf der für eine Onlinemarketing-, Webdesign- und Gedöns-Agentur geworben wurde.
Sagen wir es so: Anspruch und Wirklichkeit klafften hier meilenweit auseinander. Vergessene Datenschutzerklärung, Rechtschreibfehler die einem förmlich ins Auge sprangen, Texte aus dem SEO Bullshit-Bingo, Urheberrechtsverstöße und ein in Teilen fragwürdiges Design.
Es kommt nicht selten vor, dass Leute vorab um Feedback bitten, wenn sie in den letzten Zügen eines Webseiten-Launch liegen oder gleich nach Start ihr Produkt auf möglichst vielen Geräten/Plattformen testen lassen wollen. Dann geht es aber meistens um den Feinschliff bzw. Problemfelder, die man nicht allein überblicken kann.
In diesem Fall stand der Betreiber aber bei geschätzten 60-70% und meinte, dies wäre schon ausreichend, wobei ich den Eindruck hatte, dass er den Fertigstellungsgrad eher um die 80% taxiert hätte.
Die Konsequenz, trotz dieses unfertigen Entwicklungsstandes (selbst wenn wir mal gnädig die 80% ansetzen) die Webseite so zu veröffentlichen erklärte er lapidar mit der Aussage: es sei schon – Stichwort Google – besser, recht früh und wenigstens überhaupt am Start zu sein.

Ich erkläre euch ganz kurz, worin die Fallstricke bei dieser Strategie liegen.

1. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Die Erfahrung zeigt, dass aufgeschobene (Teil)Aufgaben nie erledigt werden. Denn es läuft ja irgendwie auch so!

„Du erinnerst Dich, wir wollten doch das Logo noch abändern und den Teasertext für Versicherungsprodukt xyz überarbeiten?“
„Stimmt … geht jetzt aber nicht. Lass uns das mal in einer ruhigen Minute angehen.“

Diese ruhige Minute kommt nie. Wenn hinter eine Aufgabe ein Haken gesetzt wurde, stehen bereits die nächsten Herausforderungen an. Niemand investiert extra Zeit in abgeschlossene Aufgaben. Solche ausstehenden Arbeiten versinken schneller im Tagesgeschäft als ein Elefant im Treibsand.

2. Die Kunden sehen schon, worum es uns geht

Ja, könnte sein, dass sich auch in diesem Fall ein Kunde hätte zusammenreimen können, was die Agentur ihm verkaufen wollte. Das Problem hierbei ist: will ich mir das als Kunde erst zusammenreimen müssen? Warum sollte ich?
An der nächsten Ecke schon wartet die nächste Marketing-Agentur und die könnten u.U. klar kommunizieren, was sie mir verkaufen will.

3. Wir machen nur soviel wie nötig

Die Seite ist jetzt schon mal im Netz, einige Signale oder auch Keywords wird Google schon registriert haben. Das reicht, um gefunden zu werden – die Schwachstellen merzen wir dann noch aus (siehe Punkt 1).
Reicht das? Kommt man mit dieser Einstellung weit? Kann sein. Hängt davon ab, welche Kunden man will.
Wenn ich als SEO-Marketing-Influencer-Dienstleister die Art von Kunden will, die sich für 79,95 € Einmalzahlung und wir bringen sie bei Google auf Platz 1 Angebote interessieren oder den Handwerker um die Ecke, der mit einem selbstgebastelten Logo im MS Word-Format für 20 € zufrieden ist – dann kann diese Strategie durchaus aufgehen.
Wenn man aber die Premium-Kunden im Portfolio haben möchte, die richtig Geld ausgeben und langfristig mit einem arbeiten wollen, dann muss das Angebot und das Erscheinungsbild eben auch Tip-Top sein. Dann reichen 90% nicht.

4. Aber ich bin doch noch Praktikant …

Ehrlichkeit ist ja an sich erst einmal löblich und wir haben alle klein angefangen, aber im Netz und vor allem in dieser Branche gibt es keinen Welpenschutz. Ein Gefälligkeitsauftrag von Onkel Heinz (der mit dem Handwerksbetrieb) oder dem ehemaligen Schulkumpel kann drin sein, mehr aber nicht.

5. Das ist doch nur fürs Erste, die Seite bleibt ja nicht so …

Zeigt starke Anklänge an Punkt 1, aber gehen wir einfach mal davon aus, dass es die Agentur doch noch schafft, die erheblichen Mängel zu beseitigen und irgendwann Qualität abzuliefern. Tja … der erste Eindruck zählt weiterhin. Nehmen wir mal an, ich als Interessent stolpere (wie auch immer) über diese Agenturseite im nicht fertigen Zustand. Ich frage mich, ob ich dann auf meiner Website auch so Rechtschreibfehler und unpassende Bilder eingearbeitet werden, wie bei diesem Angebot und bin wieder weg. Entweder bin ich ganz weg oder die unwahrscheinliche Chance besteht, dass ich just in dem Moment wiederkomme, wo die Webseite nun formverbessert daherkommt. Je nachdem, welche Qualität mich da anlächelt und wie groß der Unterschied zum Ursprungszustand ist, kontaktiere ich die Agentur und frage nach den Kontaktdaten des Externen, der ihnen beim (Re)Launch geholfen hat. Denn dass dort eine spontane, wundersame Wandlung zum Premium-Anbieter in Philosophie und Ergebnis stattgefunden hat, glaube ich nicht.

Wie man sieht, man kann eigentlich immer mehr zwingende Argumente gegen einen unfertigen Webseiten-Launch anführen als dafür. Unfertig in dem Sinne, dass elementare Dingen fehlen, schwerwiegende Fehler nicht behoben sind, Funktionalität fehlt oder die Qualität durchgehend nicht stimmt.
Bei Projekten, bei denen man hier und da ein Komma vermisst oder bei denen eine fehlende Komponente nicht zwingend für den Betrieb erforderlich ist, aber wo daran gearbeitet und dies auch kommuniziert wird („ab Datum xyz steht Ihnen unser Newsletterangebot zur Verfügung“), ist das etwas anderes. Bei Projekten, wo es aus unterschiedlichsten Gründen eine unverrückbare Deadline gibt – okay, Augen zu und durch. Da muss dann im Anschluß aufgearbeitet werden, woran es gehakt hat.

Wer aber ohne Druck grob unfertige Webseiten auf seine potentiellen Kunden loslässt, darf sich nicht beschweren, dass er nach den Gesetzen des Marktes die Kunden aus dem Segment bekommt, das er gar nicht anvisiert hat. Um es mal so zu sagen.

Ich habe in meinem Dasein als Webworker viele Unternehmensauftritte gesehen. Sehr viele.
Ich habe bei keiner Top-Firma gesehen, dass sie etwas scharf geschalten hat, dass nicht rund war. Nie.
(Und wenn, waren es Unternehmen, die es augenscheinlich nicht mehr nötig hatten.)

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