Krautreporter – Online Journalismus über Crowdfunding finanziert

Uff, ich habe lange überlegt, ob ich etwas zum Krautreporter Projekt schreiben soll. Erstens haben sich da eigentlich schon genug Leute drüber ausgelassen und zweitens passt es nicht so richtig in meine WordPress und Webdesign Beitragsstruktur. Aber da wir Blogger und Webmenschen alle im selben großen Boot sitzen und es mich auch persönlich interessiert, wie sich der Journalismus in den Zeiten des Internet allgemein entwickelt, fasse ich meine Eindrücke und Gedanken hier kurz zusammen.

[adsensecode300x250]Wer es nicht kennt: das Krautreporter Projekt ist ein Zusammenschluss von ca. zwei Dutzend Journalisten, die offensichtlich nichts anderes wollen, als den Online Journalismus zu revolutionieren.

Angeblich sei dort (im Online Journalismus) etwas gehörig kaputt und sie würden es reparieren.
Was genau jetzt kaputt ist und wie man das zu reparieren gedenkt wird natürlich nicht verraten. Es reicht zu wissen, dass wir die Crowd sind und „sie“ die Reporter.
Das Modell soll folgendermaßen funktionieren: Es basiert auf Crowdfunding, wobei die späteren Leser die finanzielle Grundversorgung für ein Jahr garantieren sollen. Dazu zahlen sie einmalig 60 € für das erste Jahr. Da die benötigte Summe mit 900.000 € beziffert wird, müssen also 15.000 Menschen die digitale Geldbörse zücken. Und das bis zum 13. Juni diesen Jahres.
Dafür erhalten sie dann täglich mehrere Top-Artikel aus diversen Themenbereichen, was aber noch nicht genau definiert ist.
Klingt eigentlich wie ein ganz normales Abomodell, mit dem Unterschied, dass ich für die 60 € keine exklusiven Leserechte erwerbe. Jeder kann dann diese Artikel lesen, auch wenn er keinen Beitrag entrichtet hat. Man zahlt also nur, um die Sache überhaupt erst zu ermöglichen. Hier findet sich schon die erste große Schwachstelle im Fundament. Es wird sicherlich Leute Leute geben, die Geld für eine Sache berappen, nur damit es die Sache gibt (so ähnlich drückte es Herr Niggemeier in seinem Blogbeitrag aus). Die Zahl wird sich meines Erachtens aber in Grenzen halten. Am Beitragsende ist ein Link aufgeführt, wo jemand die Dynamik von Crowdfunding Aufrufen etwas erläutert.
Wenn sie denn wenigstens den zahlenden Kunden einen Mehrwert gegenüber den Alles-für-Lau Konsumenten anbieten würden. Jeden zweiten Artikel hinter die Paywall oder Premium-Artikel, die nur von den Unterstützern gelesen werden können. Oder ein T-Shirt …
Okay, streicht das mit dem T-Shirt. Streicht dann aber auch bitte andere, eventuell angedachte Gimmicks wie Treffen mit den Autoren und derlei.

Weiterhin ist völlig unklar, was an Krautreporter anders sein soll, als bei den klassischen Meinungsblogs, wo mehrere Autoren ihre Gastartikel unterbringen. Buchstaben und Zeichen werden zu Wörtern zusammengesetzt, aus Wörtern wiederum Sätze und am Ende entsteht ein Artikel. Lesenswert oder auch nicht. Da bin ich mal gespannt, was die Krautreporter da für neue Wege beschreiten wollen. Bzw. welcher Art die Artikel sind, die da untergebracht werden sollen. Und entsprechend blumig wird das dann auch beim Krautreporter Magazin formuliert:

… für die Geschichten hinter den Nachrichten

Also die Nachrichten bringen andere und wir kauen die nur noch einmal auf einer Metaebene durch? Braucht man das? Erwarten die, dass man echt dafür zahlt?
Ich weiss, es wurde zwar schon alles einmal gesagt, nur noch nicht von Jedem. Das kann man natürlich so machen, aber letztlich muss man doch immer jemanden finden, der die dicke Rechnung unterschreibt. Es soll ja Millionäre geben, die heimlich als Müllfahrer arbeiten, weil ihnen langweilig ist oder sie eine obskure Obsession pflegen. Aber ich denke, um so einen Fall handelt es sich hier nicht. Journalismus, ernsthaft betrieben, kostet Geld. Das Geld sollen in diesem Fall Leute vorher berappen und sich dann überraschen lassen, was in der Wundertüte Krautreporter so drin ist. Bis jetzt ist das ein Ratespiel, denn mit Vorleistungen sieht es, abgesehen vom Bullshit Bingo auf der Webseite, mau aus.
Da klingen 900.000 € erstmal nach viel Geld. Zieht man die Fixkosten ab und teilt das dann auf die 25 Journalisten auf, ist das dann doch nicht mehr ganz soviel. Ich denke, hieraus wird ersichtlich, dass das Engagement bei den Krautreportern keine Ganztagsstelle sein kann. Die Leute werden sich also noch anderen Arbeitgebern verdingen. Frage am Rande: Wo werden sie dann ihre Topartikel einreichen? Spiegel, FAZ, Süddeutsche oder BILD? Oder doch bei einem Projekt in der Schwebe wie dem Krautreporter Magazin?

Ich kann nicht sagen, dass ich dem Projekt Glück wünsche; ich kann aber auch nicht sagen, dass ich es scheitern sehen will. Dafür berührt es mich einfach zuwenig. Es ist wie die deutsche Huffingtonpost: ein Spieler mehr im ohnehin schon überfüllten Markt. Ich verfolge es aus Interesse, ob es trotz einer meiner Ansicht nach fehlerhaften Grundkonstruktion funktionieren wird.
Ich erwarte auch nicht, dass hier der Online-Journalismus reformiert oder gar gerettet wird. Es gibt genug gute Journalisten, das Problem besteht darin, dass die Verlage und Arbeitgeber keine belastbaren Lösungen und Antworten auf die Herausforderungen des Internet gefunden haben. Und auch hier bin ich eher skeptisch, ob das Krautreportermodell die Antwort darauf sein kann. Der Mensch mag ja als Individuum moralisch gut handeln, ein Altruist sein – in der Masse aber nicht.

Ich ziehe mir auch nicht den Schuh an, dass es Kritiker, Skeptiker oder Nörgler wie meine Wenigkeit sind, die das Projekt zum Scheitern bringen. Wenn es die Leute nicht überzeugt, dann überzeugt es sie nicht. Oder andersherum. Wo gibt es denn so etwas, dass man einen Anspruch auf Erfolg „einklagt“. Oder diesen als moralische Bürde auf Andere abwälzt?
Wer solche markigen Behauptungen raushaut (wie die Krautreporter dies tun), ist dann dazu verdammt, auch etwas Überdurchschnittliches zu liefern. Ich weiss nicht, ob dieser unnötige Druck am Ende kontraproduktiv wirken wird.
Die Krautreporter müssen die Leute von sich aus mit einem stimmigen Konzept, einer faszinierenden Idee oder einem tollen Angebot überzeugen. Dann erledigt sich das mit den Pessimisten doch von selbst. Klappt doch bei Apple auch.

Ausgewählte Artikel dazu

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.