Ein Königreich für einen Titel

Oder: Das Elend mit den Überschriften.

„Sprache ist eine Waffe“ – wusste schon Tucholsky. Und in eben jener Sammlung von Sprachglossen des großen Meisters fand ich einen kritischen Text zum leidigen Thema Überschriften bei Artikeln. Obwohl dieser Text vor genau 100 Jahren verfasst wurde, ist er in seiner Aussage aktueller denn je.

Lest hier, warum.

Als Kurt Tucholsky 1914 (!) diese Glosse (Die Überschrift) unter seinem Pseudonym Ignaz Wrobel veröffentlichte, waren das Internet und das Bloggen noch nicht einmal Zukunftsmusik. Und dennoch passt seine Grundaussage wie die Faust aufs Auge.

Die Zeitungen hätten es verschuldet – meint er. Die geschicktesten Angestellten müssten sich den Kopf zerbrechen, um einen Titel zu finden, der als lockendes, fettgedrucktes Wort dem Leser ins Auge springt. (vgl. Hering, S. 121)

Tucholsky verortet die Herkunft dieses Ärgernisses in Amerika, wo man nicht auf die Suppe sondern den Topf gucken würde. (vgl. Hering, S. 121)
Da wird der Focus falsch gesetzt und lenkt häufig von der eher durchwachsenen Qualität des eigentlichen Inhalts ab:

Die Überschrift macht den Kohl fett, der sonst so fad wäre, dass ihn niemand schlucken möchte. (Hering, S. 121)

Eine erstaunliche Erkenntnis. Vor allem wenn man bedenkt, dass sie 1914 niedergeschrieben wurde.
In wievielen dieser „how to write better blog postings“ Tutorials wird der Überschrift eine fast mystische Wirkung beim Leser und Suchmaschinen zugeschrieben? Kosmologie für den kleinen Bloger von der Straße. Mich hat das immer abgeschreckt. 50% oder mehr vom Schreibaufwand nur für die Suche nach einer passenden Überschrift investieren?! Ja bin ich wahnsinnig? Habe ich sonst nichts zu tun?


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Ja ich weiss, meine Überschriften sind wahrscheinlich keine Geniestreiche. Andere Leute fabrizieren da weitaus Gediegeneres. Ich bin aber auch kein Werbetexter, dessen Tagesgeschäft einzig und allein darin besteht, Slogans und griffige Kurztexte zu produzieren. Denn darin liegt oft die Verwechslung begründet. Werbung vs. redaktioneller Inhalt.
Die Überschrift eines Artikels mit Substanz muss einen Hinweis auf das Thema des eigentlichen Textes beinhalten. Also meiner bescheidenen Meinung nach. Alles andere ist eher der Werbung zuzuordnen.
Das sieht Tucholsky übrigens genaus:

Wenn die Überschrift noch den Extrakt der Nachricht, des Artikels enthielte: keine Spur! Anreizen soll sie … (Hering, S. 121)

Und was ist die Konsequenz daraus? Was passiert, wenn der Artikel das sprachliche Niveau der Überschrift nicht beibehalten kann? Wenn das vermutete Thema im eigentlichen Text eine ganz andere Richtung einschlägt?

… die Folge ist, dass der ewig überhungrige Leser die dünne Kaviarschicht durchbeisst, auf den pappigen Teig stösst und dann das Ganze überdrüssig wegwirft. (Hering, S. 121)

Natürlich gibt es diese Blogger, die nicht nur geniale Überschriften finden sondern denen wirklich lesenswerte Texte folgen lassen. Aber ehrlich gesagt, die sind rar gesät. Weithin ist eher Mittelmaß zu finden.
Die Leute folgen viel zu oft einem Baukastenprinzip. Die Checkliste hecheln sie dann Punkt für Punkt durch: Die Headline darf nur so und so lang sein, sonst schneidet Google dort was ab (klingt irgendwie immer nach Kastration). Und unbedingt ganz vorn das Keyword unterbringen. Möglichst provokant formulieren, irritieren, eine steile These in den Raum stellen … bla bla bla.

Leute, fangt doch einfach wieder an, für Menschen zu schreiben. Leser aus Fleisch und Blut, die nicht auf den Kopf gefallen sind. Ja, Suchmaschinen sind wichtig – aber sie sind nicht alles. Google „liest“ meinen Text nicht, Google arbeitet keines meiner technischen Tutorial über WordPress Konfigurationen durch, Google erfreut sich nicht an meinen schönen Bildern (es indexiert und katalogisiert sie nur). Das tun menschliche Wesen.
Was soll ich denn als Leser denken, wenn ich merke, dass mir jemand nach Schema F zusammengestöpselte Texte mit Überschriften aus dem Online-Generator vorsetzt? Will mir der Mensch überhaupt etwas mitteilen? Oder soll ich nur etwas kaufen, liken oder sharen?
Wenn ich nichts Wichtiges zu schreiben habe, wenn ich nur darauf aus bin, nichtssagenden „Content zu produzieren“ – dann hilft mir auch keine Überschrift. Alles bleibt saft- und kraftlos, abgestanden wie ein 3 Tage altes Fischbrötchen.

weil man erstens in der Regel nur Triviales zu bieten hat und zweitens der verhätschelte Leser für ernste und anstrengende Dinge nicht zu haben ist, verputzt man einen an sich gleichgültigen Aufsatz mit glitzernden Mätzchen und krönt ihn … mit einem wilden Titel (Hering, S. 122)

Da sind wir bei einem weiteren Punkt angelangt: was will der Leser eigentlich? Was will ich von ihm? Welches Maß an Engagement traue ich dem Leser zu?
Durch die Inhalts- und Reizüberflutung durch die social media ist die Erziehung des Lesers falsch abgebogen. Er kann für wichtige Themen unserer Zeit nur noch interessiert werden (falls überhaupt), wenn man sein Anliegen mit einer Dosis ranziger Sentimentalität aufkocht (vgl. Hering, S. 121). Wenn man ein schönes Etikett auf die Flasche mit der 3 Tage alten Urinprobe klebt. So ist es. Durch die permanente Erniedrigung unserer Sprache, durch den Zwang, alles werbetauglich zu formulieren – sind wir förmlich gezwungen, unsere langweiligen Texte mit einem möglichst grellen „Kauf mich“ Label zu bedrucken. Am besten wäre es, wir lassen den Text ganz weg und produzieren nur noch Überschriften im Schlagzeilen Stil und hängen eventuell noch ein Exzerpt daran.

Danke nochmal nachträglich an Kurt Tucholsky, alias Ignaz Wrobel, durch dessen Glosse ich mich mit diesem Ärgernis nicht so allein gefühlt habe. Nachzulesen (mit weiteren, sehr unterhaltsamen Beiträgen) in Wolfgang Hering (1989): Kurt Tucholsky. Sprache ist eine Waffe. Sprachglossen.

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