Akademie.de und VG Wort im Clinch über die Zählpixel

Mit der Akademie.de und der Verwertungsgesellschaft Wort (kurz VG Wort) liegen jetzt zwei Schwergewichte der Online-Texte-Branche im Clinch.

Neudeutsch würde man wohl sagen, sie haben „Beef“ miteinander.

Aufhänger sind die Zählpixel, die die VG Wort zur Ermittlung der auszuschüttenden Tantiemen für einen Text heranzieht.

Zählpixel verletzen Datenschutz

Aus Sicht der Akademie.de und des Berliner Datenschutzbeauftragten verstößt dieses Zählpixel gegen den Datenschutz. Und das auch nur theoretisch. Beanstandet wird nicht das Zählpixel an sich sondern die unverschlüsselte Übertragung der IP-Adresse + Cookiedaten an den Zählserver der VG Wort. An diversen Knotenpunkten könnte ja jemand den Datenstrom abzapfen …

Die VG Wort selbst verschleiert die letzten Stellen der IP-Adresse und nimmt nach eigener Auskunft auch keine weitere Auswertung der Daten abseits ihres Auftrages vor. Ebensowenig erstelle sie Nutzerprofile, die über die Auswertung der gelesenen Texte hinausgehen.

Jetzt stellt sich die Frage, ob es allein ausreicht, dass ein Datenschutzbeauftragter der „Ansicht ist“, dass ein Datenschutzverstoss begangen wird. Natürlich spielt da eine gewisse Expertise mit rein, aber rechtskräftig ist so eine Äußerung nicht.

Optout-Button als Ausweg?

Vorausgegangen ist dem ganzen Zoff eine Bitte der Akademie.de, wonach die VG Wort doch einen Optout-Code anbieten solle, den Webseitenbetreiber implementieren können. Dies würde analog zur 2-Klick-Lösung bei social-network-buttons funktionieren, wonach der Websurfer selbst bestimmen könnte, ob sein Besuch einer Seite durch das Zählpixel gezählt und vor allem gemeldet würde.

Dies hat die VG Wort mit der Begründung abgelehnt, dass der Websurfer damit einen Text konsumieren und gleichzeitig dem Autoren die rechtmäßige Zählung dieses Lesevorganges (woraus sich dessen Vergütung berechnet) verweigern könne. Dies führe den gesetzlichen Auftrag der VG Wort ad absurdum.

Akademie.de entfernt alle Zählpixel

Daraufhin entfernte die Akademie.de alle Zählpixel auf den Seiten der bei ihr publizierenden Autoren. An diese ging ein Schreiben, in dem die Akademie.de ihr Vorgehen erläuterte und angeblich eine eigene Zählung der Seitenzugriffe in Aussicht stellte. Aus Eigenmitteln sollen dann Vergütungen an die Autoren geleistet werden, die man dann wiederum bei der VG Wort geltende machen wolle. Abgesehen davon, dass nicht bekannt ist, nach welchem Verfahren genau die VG Wort zählt, wird sie wohl schwerlich fremde Statistiken akzeptieren. Nach eigener Angabe setzt die von der VG Wort beauftragte INFOnline GmbH in München ein „Skalierbares Zentrales Messverfahren“ ein, unter dem ich mir jetzt viel vorstellen kann.
So wird sie wahrscheinlich auch die Ansprüche seitens der Akademie.de hinsichtlich deren Vorleistungen bei den Vergütungen abschmettern. Ich kann mir vorstellen, dass die Akademie.de auch davon ausgeht – wird sie unter diesem Risiko dennoch eine Ausschüttung aus Eigenmitteln vornehmen oder ist das nur eine Beruhigungspille für ihre Autoren?

Was sollen die anderen Webseitenbetreiber tun, die Zählpixel für sich oder ihre Autoren verwenden? Rechtsanwältin Lachenmann empfiehlt unter der Hand die Zählpixel so zu belassen wie sie sind und eher keinen Datenschutzhinweis auf der Seite zu veröffentlichen. Das würde nur schlafende Hunde wecken. Nachvollziehbar, auch wenn sie Zählmarken mit Zählpixeln (also der eingebundenen Datei) verwechselt.

Abmahnung an die VG Wort

Jetzt hat die Akademie.de die VG Wort abgemahnt und sie aufgefordert, bis zum 31.12.2013 deren aktuelles Zählverfahren datenschutzkonform auszugestalten. Wenn ich das richtig interpretiere, bleibt auf der technischen Seite die Forderung nach einer optout-Lösung bestehen. Zusätzlich fordert die Akademie.de, dass allen am Verfahren beteiligten Autoren und Verlagen die statistischen Auswertungen zugänglich gemacht werden. Ebenso soll die VG Wort mit den Autoren und Verlagen Verträge abschließen, in denen sie datenschutzkonform mit der Datenverarbeitung beauftragt wird.

Fallstricke für eine gütliche Einigung

Beim Vertrag sehe ich kein Problem. Ich wüsste nicht, was die VG Wort daran hindern sollte, einen Standardvertrag aufzusetzen und diesen nachträglich mit den Nutzern abzuschließen. Anders sieht es beim optout-Code und der Herausgabe der Statistiken aus.
Beim ersteren sehe ich dieselbe Problematik wie die VG Wort.
Bei der Akzeptanz der Forderung nach Herausgabe der Ermittlung der Zugriffsstatistiken würde das meiner Ansicht nach weitere Scheunentore für Klagen aller Art öffnen. Bisher mussten sich die Autoren damit begnügen, dass die VG Wort einem mitteilte, ob ein Text jetzt die Mindestanzahl von Aufrufen durch Websurfer erreicht hat oder nicht. Je nach verwendetem Statistik-Plugin komme ich ja bei meinen WordPress-Seiten auf zum Teil sehr deutliche Abweichungen in den Webstatistiken. Wenn jetzt auch nur ein Autor gegen die Zählweise und Ermittlung in seinen Texten durch die VG Wort klagt, zieht das eine ganze Lawine solcher Begehrlichkeiten nach sich. Jeder wird finden, dass er benachteiligt wurde und doch deutlich mehr Leser hatte …

Ich bin also sehr gespannt, wie sich dieser Streit weiterentwickeln und wer dort als Sieger herausgehen wird. Vielleicht kommt es ja auch zu einer Lösung, mit der mal alle leben können. Es muss doch technisch irgendwie möglich sein, den Übertragungsweg der Zählinformationen zumindest so auszugestalten, dass die üblichen öffentlichen Bedenkenträger zufriedengestellt werden. Wäre zu schön, um wahr zu sein.

Und das schreiben die Kollegen

Ein weiterer Streitpunkt, der etwas länger schwelt, ist die Auseinandersetzung zwischen Prof. Martin Vogel und der VG Wort. Es geht um die Ausschüttungspraxis der VG Wort im Bereich Verlage-Autoren. Bis jetzt werden die Tantiemen nicht in ihrer Gesamtheit an die Autoren durchgereicht, sondern deren Verlage anteilsmäßig daran beteiligt. Prof. Vogel will das zugunsten der Autoren ändern und klagt sich durch die Instanzen. Natürlich wäre es für die Verlagsautoren schön, wenn sie noch mehr Geld erhielten, aber in meiner Erinnerung beruhte die Gründung der VG Wort auf einer Übereinkunft zwischen Autoren UND Verlagen. Unter dem Titel „Die VG Wort enteignet Urheber, vernebelt die klare Rechtslage und spielt auf Zeit“ legt Dr. Vogel auf dem Blog von Stefan Niggemeier noch einmal nach.
Nichtsdestotrotz sehe ich in diesem Rechtsstreit keine die Existenz der VG Wort erschütternde Auseinandersetzung wie es bei den Zählpixeln der Fall sein könnte.

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