Huffington Post Deutschland – ein weiteres Blog das keiner braucht?

Nun ist Deutschland also doch noch im Neuland angekommen. Die deutsche Ausgabe der Huffington Post ist ans Netz gegangen. Und im Netz wird bereits eifrig diskutiert, gespottet und gewarnt.

Noch vor dem eigentlichen Start der Huffington Post hat sich durch Blogger, Journalisten, Medienexperten und Juristen bereits ein Abbild der Internetzeitschrift entwickelt, das dabei ist sich als Image zu etablieren – stark losgelöst von der Realität und vielleicht gerade deshalb sehr wirkungsmächtig.

[adsensecode300x250]Gewiss, das Konzept eines Mehrautorenblogs ist nicht neu, das Geschäftsmodell für Autoren scheint fragwürdig und der Start war mehr als holprig, aber ein wenig Zeit zum Wachsen und Entwickeln könnte man diesem Projekt sicher zugestehen. Die meisten Kritiker und Unken wären erstaunt, wie erfolgreich Totgeburten dann doch werden können.

In den USA ist dieses als Internet-Zeitschrift deklarierte Projekt scheinbar eine ganz große Nummer. Ob dies nun an den Inhalten, einem geschickt befeuerten Hype oder an der Wirkung als Sinnbild des modernen Journalismus liegt, lässt sich jetzt nicht mehr nachvollziehen. Es ist wie mit der BILD-Zeitung hier: angeblich liest sie keiner, der gebotene Journalismus sei bedenklich und dennoch wissen alle was drin steht.

Hier in Deutschland wird es die HuffPo schwer haben, an die Erfolge im Ursprungsland anzuknüpfen. Den Boulevard deckt bereits die BILD-Zeitung umfassend ab, die schlichte politische Meinungsmache wird schon vom Focus bedient (der über Tommorrow Focus als Partner der HuffPo auftritt) und Spiegel Online hat sich zu etwas wie dem Politikmagazin für die Schlaumeier (und die sich dafür halten) entwickelt. Wo will da die Huffington Post ihren Platz finden? Und das innerhalb von 3 Jahren? Gewiss, die Reserven hätten die Tomorrow Focus AG als Burda-Tochter und Lizenzinhaber der deutschen HuffPo sicherlich.
Sehr amüsant ist beispielsweise die Betrachtung von Stefan Niggemeier über die Versuche der HuffPo, blinkend und mit Hasen jonglierend die nötige Aufmerksamkeit zu erregen. Auch das Titanic Magazin macht sich über den journalistischen Anspruch der Huffington lustig. Gewohnt skeptisch blicken die Redakteure von Zapp auf das Geschäftsmodell. Beim Cicero glaubt man, dass genau diese mittelmäßige Qualität und der bunte Mix zum Erfolg führen könnten.
Sehr eindeutig bezieht der Journalist Michalis Pantelouris Stellung. Lesenswert, weil gut geschrieben.

Cherno Jobatey als Herausgeber?

Ob die Berufung des Turnschuh-Journalisten Cherno Jobatey (den man nur mit dem ZDF-Morgenmagazin in Verbindung bringt), zum  Herausgeber der Clou des Jahrzehnts oder doch nur ein großes Mißverständnis ist, wird sich zeigen müssen. Nachvollziehbar ist die Wahl für mich nicht. In seinem Startschuss-Artikel schreibt der frischgebackene Herausgeber dann auch viel über die Entwicklung der Kommunikation usw., streut ein paar Anekdoten ein, wie er Barack Obama und Frau Huffington („Arianna“) persönlich begegnete, aber eine Skizzierung der Reise, ein paar Visionen für die Zukunft, ein paar Argumente für die Sinnhaftigkeit der Huffington Post sucht man vergebens.

Zugkräftige Namen werden gesucht

Schließlich wird erfolgsentscheidend sein, welche großen Namen aus der Blogger-Szene für dieses Projekt verpflichtet werden können.
Journalisten kann ich mir dort nicht vorstellen. Die die noch etwas auf sich halten, werden sich hüten, ihren guten Namen kostenlos herzugeben. Das einzige was die Huffington Post einem Autoren bieten kann, ist die Reichweite der Artikel und die Aufmerksamkeit der Leser. Und gerade zu Beginn müsste man da mit einem großen Namen aus der Szene punkten (nein,nicht Boris Becker und Rainer Brüderle).
Mäßig übersetzte englische Originalartikel und zusammenkopierte Texte von Nobodies verpuffen im Nichts. Die Inhalte der ersten Tage zeichnen dann auch das entsprechende Bild: lahm, ohne Esprit und bei vielen Texten denkt man: mein Gott, was für ein Geschwalle aus dem Web 3.0. Soviel heisse Luft war selten. Die Buchstabengewordene verzweifelte Suche nach Inhalten. Man kann den Wunsch, auch nur irgendwas an Inhalt rauszuhauen förmlich greifen.

Keine Vergütung, Abtritt der Rechte – die größten Haken für Autoren

Gezahlt wird nichts, die Verwertungsrechte tritt man ab und für eventuell aus dem Artikel entstandene Schäden haftet man uneingeschränkt. Entsprechende Warnungen vor dem Autorenrisiko liest man beim Deutschen Journalisten Verband und bei Kaffeeringe (Bloggen für Chernos Schuhe).

Einige Blogger werden allerdings der Versuchung nicht widerstehen können und sich als Autoren und Inhaltslieferanten verdingen. Da wird die Aussicht auf eine wie auch immer geartete Berühmtheit, von den Leserstatistiken der US-amerikanischen Ausgabe genährt, magisch anziehend wirken und alle Bedenken vom Tisch fegen. Ich überlege ja auch noch, das zumindest mit einem Artikel mal auszutesten. Wenn man mitreden und vor allem kritisieren möchte, ist es ganz hilfreich, das mal am eigenen Leib auszuprobieren. Und seien wir ehrlich: das macht man auch nur, um das eigene Ego zu befriedigen. Dagegen ist ja nichts einzuwenden, nur ehrlich sollte man sein.
Die HuffPo als Sprungbrett für einen „richtigen“ Job? Bezahlung für die Arbeit dort hält Arianna Huffington ja für so ein obseletes Denken von Gestern, aber dieses Umsonst-Dingens der Huff sei ja der Journalismus der Zukunft. Dann stellt sich die Frage, wohin die ganzen Huffington-Azubis hinspringen wollen, wenn sie von diesem AOL-Gezücht ausgepresst worden sind? Wenn das Modell die Zukunft darstellt – wo sind denn dann noch die gut bezahlten, richtigen Journalistenjobs zu finden?
Bei W&V stellt sich Frank Zimmer dieselben Fragen:

„Wenn das Kostenlos-Modell relativ unbekannten Bloggern die Chance gibt, bekannt zu werden – was ist, wenn diese Blogger ihr Ziel erreicht haben? Wenn sie sich dank der Huffington Post einen Namen gemacht und aus Controller-Sicht einen hohen Marktwert geschaffen haben? Zahlt die Huffington Post ihnen dann ein Honorar, um sie zu halten? Oder baut sie dann wieder neue Blogger auf?“ (Frank Zimmer: Warum Redaktionen manchmal kein Honorar zahlen. 1.8.2013)

Wer darüber hinaus ein bischen Rechtfertigung ala „lasst uns Teil von etwas ganz Neuem sein“ lesen möchte, kann dazu mal bei Romy Mlinzk vorbeischauen. Beim Punkt „HuffPo als Referenz, vor allem im Ausland“ musste ich schon etwas schmunzeln. Ähnlich, ich möchte nicht sagen Naives (oder doch? Doch!), Naives liest man auf Lummaland. Sorry Leute, ist das echt die schreiberische Zukunft, die ihr euch vorstellt/erträumt?
Ja, ich schreibe auf meiner Seite auch für „kostenlos“ (hoffe nicht auch für umsonst), aber dann tue ich das für mich und nicht, um dem Burda Verlag – der letztlich hinter dem ganzen Gedöns steht – die Taschen zu füllen.

Langfristig räume ich diesem Modell für mich keine Chance ein, denn vom Zeitaufwand kann sich das nur jemand leisten, der nicht mehr einer geregelten Arbeit nachzugehen braucht und das nur noch just for fun macht. Bereits etablierte Blogger benötigen kein Schubhilfe von der HuffPo und die, die erst noch bekannt werden wollen, brauchen einen langen Atem und müssen dicke Bretter bohren.

4 Comments:

  1. Hallo Lars,

    die Huffington übersetzt regelmäßig Beiträge in die anderen Sprachen ihrer anderen Portale, aber egal. Eine Referenz ist auch, sagen zu können, man habe dort veröffentlicht (und den Nachweis mit einem Link erbringen zu können). Da ist dann egal, ob man es lesen kann oder nicht.

    Der Artikel ist übrigens auch ähnlich bei mir erschienen und dort habe ich ein Google Übersetzertool installiert. Man kann es irgendwie lesen. Hat einen Kooperationspartner noch nie abgehalten. Ausländische Partner finden das bisher sehr spannend und es war bisher immer ein guter Aufhänger in Gesprächen/Mails.

    Btw., korrigierst Du bitte noch meinen Namen? Danke. 🙂

    Beste Grüße,
    Romy

  2. Ich muss sagen, der obige Artikel trifft ziemlich genau meine Meinung zur Huffington Post. Zwar kannte ich die US Website, allerdings lief sie bis zum deutschen Release unterhalb meines Radars. Dennoch verfolgte ich aus Neugier den Start der deutschen Ausgabe. Insbesondere die Mischung aus redaktionellen Nachrichten UND offenem Blog in Einem interessierte mich in Erwartung interessanter Meinungen und Inhalte. Tja. Der Start verlief mehr als holprig, aber darauf möchte ich gar nicht herumreiten. Jeder Release muss seinen Weg schließlich erst finden. Das Ergebnis bis zum heutigen Tag ist allerdings ernüchternd. Die Seite bietet allerlei Banales und speist sich vor allem aus den Prominachrichten. Echte eigene Inhalte habe ich bisher noch nicht entdecken können, meist wurden Meldungen anderer Angebote zitiert. Das ist zwar formal in Ordnung. Die Frage ist aber, ob damit dauerhaft Leser generiert werden können. Das mag auf dem US-Markt funktionieren. Ich weiß aber nicht, ob das so auf den deutschen Zeitungsmarkt so funktioniert wie auf dem Amerikanischen. Die Vorgabe, in diesem Format in fünf Jahren in den Top 3 der deutschen Nachrichtenportale aufzutauchen, halte ich für sehr optimischtisch.

    • Und ich muss sagen: es freut mich ja sehr, dass ich mit meiner Ansicht über die HuffPo nicht ganz so falsch zu liegen scheine.
      Ja, der Start war holprig und die bis jetzt zu beobachtenden Verbesserungen sind marginal. Aber ich will die Sache mal noch nicht abschreiben. In 3 Jahren kann viel passieren.

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