Amazon und viel Aufregung

Es dürften ja nun mittlerweile fast alle Leute diese Doku gesehen haben, die in der ARD ausgestrahlt wurde und zu einem Shitstorm führte, der Amazon recht unvorbereitet traf. Dementsprechend hilflos sahen die Gegenmaßnahmen des online-Händlers aus.

Die ARD hat sich meiner Meinung nach zum zweiten Mal in Folge mit einer Unternehmenskritik (Apple Marktcheck) nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Ich bin mit der Art des Berichtes und den dort präsentierten Argumenten aus Sicht eines kritischen Verbrauchers überhaupt nicht einverstanden.

Zum Thema Amazon könnte man viel sagen, aber die Redakteure Löble und Onneken haben sich und ihrer Branche mit diesem journalistischen Trauerspiel einen Bärendienst erwiesen. Ich erwarte einfach knallhart recherchierte Fakten und eine Wertung, ob die Recherchen ein abschließendes Urteil zulassen oder nicht. Was ich nicht erwarte und in einer solchen Reportage auch nicht sehen möchte, ist der Versuch, Sendezeit mit Emotionalität und Tränendrüsendrücken zu füllen.

[adsensecode300x250]Ja, niemand arbeitet gern an Feiertagen oder Wochenenden; es ist aber in Firmen dieser Größenordnung absolut üblich. Vor allem in den heißen Geschäftszeiten eines Jahres (Weihnachten, Ostern etc.). Und nein, niemand ist gern von seiner Familie getrennt, aber auch das ist für Zeit- oder Leiharbeiter in Deutschland und anderswo die bittere Realität.
Mich hätte hier interessiert, wieviel Arbeit bei Amazon (in den Logistikzentren) auf Zeitarbeiter abgewälzt wird und wie das Verhältnis zwischen ausländischen und hiesigen Zeit- oder Leiharbeitern ist. Es kam in der Doku so rüber, als suchte Amazon gezielt nach ausländischen Arbeitskräften, weil sie denen weniger zahlen können. Wenn ich es diesem Beitrag richtig entnommen habe, werden Lageristen bei Amazon mit zwischen 8 – 9 € pro Stunde bezahlt. Jetzt gehen sie mal z.B. in die ostdeutsche Provinz und schauen, was dort jemand im Einzelhandel pro Stunde verdient. Darüber redet niemand. Aber bei Amazon ist das dann Ausbeutung von fremdländischen Arbeitern!
Natürlich ist Amazon nicht die Nummer 1 im Onlinehandel (und hier geht es längst nicht mehr um Bücher) geworden, weil sie die besten Löhne zahlen und den Buchhändlern/Autoren traumhafte Konditionen bieten.

Ich möchte auch einmal wissen, warum sich nicht an die Leute gehalten wird, die dieses System von Leih- und Zeitarbeit (was ja im Grunde mal eine ganz vernünftige Idee war) so ausufern ließen und zudem förderten. Genau diese Leute verstecken sich jetzt hinter dem Feigenblatt „Mindestlohnforderung“.

Einmal aufgezeigt, wie das Leiharbeitsprinzip bei Amazon funktioniert, wer was an wen zahlt und was den Leuten nach einem Monat in der Tasche bleibt – ist das von Journalisten zuviel verlangt?
Was kostet die Verpflegung im Schnitt, was zahlen die Leiharbeiter für die Unterkunft. Wie lange arbeiten sie für Amazon, bis die nächste Ablösung kommt?
Fragen über Fragen.

Wenn sich das mit diesem Sicherheitsdienst H.E.S.S. und den Verbindungen ins Hooligan-Milieu oder rechten Straftätern bestätigt, muss Amazon natürlich handeln. Das geht einfach nicht. Aber auch hier wird ein womöglich ernster Sachverhalt durch Mutmaßungen und Tränendrüsenalarm verwässert. Ja, die bulligen Typen vom BVG Sicherheitsdienst schüchtern mich durch ihre physische Präsenz auch ein – aber bekomme ich deshalb eine ARD Reportage zur besten Sendezeit? Wie stellt sich denn Lieschen Müller sonst  einen Sicherheitsdienst vor? Daraus Amazon einen Strick drehen zu wollen, dass Sicherheitsdienstmitarbeiter wie Sicherheitsdienstmitarbeiter aussehen – halte ich für unredlich.

UPDATE: Wie zum Beispiel in der Süddeutschen zu lesen ist, hat Amazon jetzt die Zusammenarbeit mit dem kritisierten Sicherheitsdienst H.E.S.S. beendet.

Kommen wir einmal zum eigentlich interessanten Aspekt: dem Amazon Marketing bzw. in diesem Fall das Krisenmanagement. Hier können wir feststellen: es war schlicht und ergreifend kein Krisenmanagement erkennbar. Entweder hat man in der Zentrale davon nichts mitbekommen, es falsch eingeschätzt oder nicht gewusst, wie zu reagieren ist. Das betrifft vor allem die Facebook Präsenzen, über die so ein Shitstorm als erstes hinwegfegt.
Selbst Stunden nach der Ausstrahlung des Berichtes im TV wurden hier Schnäppchenangebote, Gewinnspiele oder sonstiger Werbekram gepostet (wahrscheinlich auch nur noch automatisiert). Die Stellungnahme (die nur auf die Bezahlung der Leiharbeiter einging) erschien dann nicht auf Facebook sondern einer Branchenseite. Nebenbei kursierten Screenshots im Netz, die angeblich zeigen wie Amazon Mitarbeiter durch verdecktes positive campaigning den Shitstorm aufzuhalten versuchen. Ob diese Unterhaltungen zwischen Amazoniern authentisch oder nur ein köstlicher Scherz waren, spielt jetzt keine Rolle mehr. Der Schaden ist da. Und es verstärkt auch nur den Eindruck, dass dort nicht gerade Marketing-Experten sitzen.
Wahlweise kann man das auch als Aussitzen interpretieren. Obwohl einige hundert empörte Kunden sich zu zukünftigen ex-Kunden erklärten, stieg die Anzahl der Likes auf der deutschen Amazonseite in diesem Zeitraum sichtbar an. Diese Erfahrung haben aber auch schon andere Versandhändler wie Zalando gemacht. Da ist die Unternehmenskritik auch eher verpufft.

Der schweigenden Mehrheit werden die „Sklavenhalterzustände“ bei Amazon herzlich egal sein, solange sie dort weiterhin günstig und sicher einkaufen können. Wer jetzt erbost seine Geschäftsbeziehungen mit dieser Firma kündigt und reumütig zum kleinen Einzelhändler zurückkehrt oder schnell noch einmal bei C&A, H&M, Lidl, Thalia, Applestore usw. shoppen geht – dem ist sowieso nicht zu helfen. Der kennt die Zustände in der globalisierten Wirtschaft nicht oder hat sie nicht begriffen. Oder stellt auf einmal ganz entsetzt fest, dass der Manchester-Kapitalismus (ein toller Kampfbegriff) – den wir seit Jahrzehnten den Entwicklungs- und Schwellenländern aufdrücken – auch bei uns Einzug gehalten hat. Aber nachdem man bei Amazon nicht mehr einkauft wird natürlich alles besser.

So ist es eben mit diesen Online-Revolutionen. Für einen Button-Klick oder Einzeiler reicht es, aber beim nächsten Schnäppchen kommen sie alle wieder zurück.

2 Kommentare:

  1. Die Unterhaltungen zwischen den amazonen und amazoniern waren/sind authentisch und das kann ich als amazonier der selbst „meistens“ positiv postet und Grüner einer der amazonfacebookgruppen ist gerne bestätigen

    • Nachfrage: Eine „offizielle“ von Amazon authorisierte Facebookgruppe?

      Die Screenshots suggerieren ja, dass es sich um Mitarbeiter Amazons handelt … wenn sich das bestätigt (ich bin immer skeptisch bei so etwas), bestätigt das meine These um das fehlende Problemmanagement umso mehr.

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