Ist das digitale Lernen wirklich nützlich?

Bei Bayern2 fand ich diesen kurzen Artikel von Yvone Maier zum Sinn und Unsinn von digitalem Lernen: Digitale Medien: Revolutionär oder doch überschätzt?

Ich habe noch vor einigen Jahren selbst intensiv im Bereich des e-Learning gearbeitet und würde nach meinen Erfahrungen urteilen, dass eher eine Überschätzung vorliegt.

Es ist nicht die Technik, die grundlegend falsch ist. Es sind die übertriebenen Erwartungshaltungen, der falsch kanalisierte Fortschrittsglaube und sehr oft auch Unwissen, wie die Technik richtig einzusetzen ist.
Es ist ein wenig wie mit dem Zitat aus einem Tocotronic-Song:

Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit

Das digitale Lernen unterstützt den Unterricht, es ersetzt ihn nicht. Die Grundlagen werden im Frontalunterricht gelegt und später zusammengeführt, das Anfüttern mit Informationen geschieht eben nur technisch ausgereifter.

In meinem Fall haben sich viele Leute damals darauf verlassen, dass man bloß etwas mit dem Buzzword e-Learning ettiketieren muss, um die Studenten/Schüler schlauer zu machen. Das konnte natürlich nicht funktionieren!
Oftmals wurden die Präsenzlehrveranstaltungen einfach 1:1 in verbesserte Powerpoint-Klickstrecken umgewandelt und diese ins Netz gestellt. Das war dann… ta daaa … e-Learning. Ich selbst habe das in einigen Fällen und Projekten auch so gemacht und sehe es den anderen Leuten nicht nach. Schließlich weiß ich, dass die Umsetzung solcher Konzepte zu Beginn viele Ressourcen verschlingt, die uns damals nicht zur Verfügung standen. Es herrschte ja der Irrglauben vor, weil es plötzlich alles digital ist, braucht es keinen Erstellungs- und Betreuungsaufwand. Wahrscheinlich hat man in der Verwaltung nach der einfachen Formel gerechnet: eine digital überführte Lehrveranstaltung erspart eine halbe Hilfskraftstelle. Dabei bedarf es nicht nur Spezialisten aus dem Bereich Design, Graphik und Medienmanagement. Es muss auch die Expertise von Psychologen und Didaktikern zurückgegriffen werden. Und wenn ich mich rückerinnere, wie dürftig die Zusammenarbeit und das über-den-Tellerrand-schauen damals war, gruselt es mich noch heute.
Selbstverständlich sind auch hervorragende Projekte umgesetzt worden, deren Ergebnisse sich sehen lassen konnten, aber sie haben meines Erachtens viel Mittelmaß übertüncht.
Ich vermisste eine generelle Strategie und Abklärung, wohin die Reise gehen und was letztlich das Ziel sein soll.

Heute ist die (Förder)Welle um e-Learning und digitales Lernen zumindest an meiner alten Institution abgeebbt. Die Gremien haben erfahren müssen, dass IT – in welchem didaktischen Gewand sie auch daherkommt – immer Geld kostet. Und dabei war Geld merkwürdigerweise nicht einmal das grundlegende Problem. Es war eine sehr schizophrene Angelegenheit. Einerseits wurden die meisten Projekte von altgedienten Lehrkräften (die eher Frischlinge auf diesem Gebiet waren) konzipiert und von Hilfskräften oder Werkvertraglern umgesetzt (wobei das qualtitative Niveau durchwachsen war); und andererseits hat die Uni viel Geld in die Hand genommen, um Softwaresysteme anzuschaffen, deren Sinn und Nutzen zur damaligen Zeit eher fraglich war. Mich störte vor allem dieses Festgelegtsein auf eine bestimmte Technologie und letzten Endes auch die sklavische Fixierung auf ein Produkt. Es war nicht schauen, welche Technologie deckt unsere Vorstellungen ab angesagt, sondern „was können wir jetzt mit dem System anstellen, wo wir es denn schon einmal gekauft haben“.

Ich versuchte einmal ein Projekt mit Moodle umzusetzen. Abgesehen von einer Reihe anderer Faktoren wurde das Projekt auch hauptsächlich deshalb gekippt, weil es Einspruch von ganz ganz oben gab. Moodle war schliesslich kostenlos und eine freie Software, das ging schon mal gar nich. Dazu kam, dass die Konkurrenz-Universität sich offen zu Moodle bekannt hat und damit der Meinung war, dass dieses System durchaus mit kommerziellen Produkten mithalten kann. Die nach außen gesickerte Argumentation der Projektabwürger war dann, dass lauter neue Leute eingestellt werden müssten, die das Moodle bedienen (was bei dieser Software fast selbsterklärend ist und selbst einem langjährigen Mitarbeiter an einem halben Tag beizubringen wäre)

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