„Spot the Touri“ Plakat wirbt für mehr Toleranz gegenüber Berliner Touristen

Die AZE versucht mit einer Plakataktion namens Spot the Touri die angebliche Sinnlosigkeit der schwelenden Berliner-gegen-Touristen Debatte offenzulegen. Hier seht Ihr die online Version des Plakats.
Die Zeitung Der Freitag findet es scheinbar ganz toll und meint, das würde für Aufsehen sorgen (naja, bei denen ist auch jeder umgefallene Sack Reis ein Weltfrieden bedrohendes Thema).

Liebe AZE: Mir ist das wurscht, welcher Tourist auch wie einer aussieht!

Diese Plakatkampagne geht meiner Meinung nach völlig am Thema vorbei. Es geht doch keinem Kritiker darum, alle Touristen aus der Stadt zu verbannen. Es gibt halt nur Touristen und Touristen. Solche, die sich benehmen und solche, die ein Ärgernis für die Anwohner der touristisch erschlossenen Kieze sind. Direktes oder auch indirektes Ärgernis, denn um die Flut von Feierwütigen unterbringen zu können, wird mehr Wohnraum legal wie auch illegal zu Unterkünften deklariert, was wiederum die Mieten ansteigen lässt. Aber wahrscheinlich sollen sich die Betroffenen einfach mal nicht so haben.
Die Politiker sind vom Protestpotential überrascht und erschrocken. Sie fürchten natürlich um die Reputation von Berlin als Reiseziel und den damit verbundenen Einnahmen. Wie hilflos sie der Debatte gegenüberstehen kann man schon daran ermessen, wie schnell immer die Fremdenfeindlichkeitskarte gespielt wird. Oder auf die Toleranz gepocht wird. Wo bitteschön zeigt denn der hippe Partytourist seine Toleranz gegenüber denen, die in aller Frühe aus dem Bett zur Arbeit müssen?

Und ja, es geht auch und vor allem um zugezogene Süddeutsche (Westdeutsche, Norddeutsche, Ostdeutsche eher weniger), die sich hier in ihren Schickimicki-Ghettos verbarrikadieren und alles ihren wirren Bio-Sojamilch-Cafe-Latte Vorstellungen anpassen wollen. Weil ja Berlin so cool und hip ist! Hat irgendjemand von den ganzen Schnöselmigranten mal die Berliner gefragt, ob die überhaupt „cool und hip“ sein wollen? Ob die es lustig finden, dass deren Kieze zu Abziehbildern einer Disney-artigen Touristenattraktion degenerieren? Und wer hat in der Frage des Berlin-Gefühls eigentlich die Deutungshoheit?

Mir geht auch gehörig gegen den Strich, dass dieser Konflikt nur auf die Räume Kreuzberg, Mitte oder den Prenzlauer Berg beschränkt wird. Auch in Charlottenburg z.B. ist die aus-Wohnungen-mach-Kapitalanlagen Industrie sehr rege und aktiv. Auch anderswo sterben die Eckkneipen, die kleinen Läden und die gewachsene Kiezkstruktur.

Da sich viele öffentlich damit brüsten, mal zu fragen, was denn überhaupt einen Berliner zu einem Berliner macht – aber keiner auch mal eine eindeutige Antwort geben möchte, folgt hier mein Versuch und 1. Vorstoß:

Der echte Berliner lebt in 3. Generation in dieser Stadt und ist selbstverständlich auch hier geboren. Mit Spreewasser getauft, wie man hier sagt.
Den echten Berliner erkennt man an seinem Zungenschlag (auch Dialekt genannt). Er weiß sich zwar auch auf Hochdeutsch auszudrücken (im Gegensatz zu anderen Möchtegerns aus dem Land der Maultaschen), aber die meiste Zeit über wird berlinert.
Der Berliner ist ein stinkiger Gesell, meckert viel und gern und ist im Besitz der „Berliner Schnauze“. Der echte Berliner – zwar im Bewusstsein, in einer Weltstadt zu leben – praktiziert Provinzialität. Flughäfen werden zum Desaster, Stadtschlösser lässt er sich aufdrücken und Touristen mag er nur, wenn sie sich benehmen und trotzdem ihr Geld da lassen.
Der echte Berliner antwortet auf die Frage nach dem Lieblingsgericht: Bulette, Kartoffelsalat, Bockwurst, Kohlroulade, Solei, Kassler, Eisbein, Currywurst, Bratwurst, Berliner Weiße, Mettbrötchen oder weitere Spezialitäten. Auch wenn diese Köstlichkeiten nicht täglich auf seinem Speiseplan zu finden sind, hat er einige dieser Objekte bereits mehrmals mit geschmacklicher Zustimmung gegessen.
Der echte Berliner kennt sich zumindest in seinem Bezirk aus, war schon auf dem Funk- und Fernsehturm und weiß mit Begriffen wie Eckensteher Nante, keine Feier ohne Meier oder Bonnies Ranch etwas anzufangen.

So, das dürft Ihr jetzt kleinkariert oder auch diktatorisch-bestimmerisch finden – das ist mir egal. Von anderen hört und liest man überhaupt keine Antwortversuche. Und solange das Thema nicht wirklich mal ernsthaft diskutiert wird oder die Medien das als Provinzposse und den Aufstand einiger Rentner, Fortschrittsverweigerer und Millieubewahrer abtun – wird sich der Riss in der Verständigung nur vergrößern und eine Kommunikation erschweren.

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