Joachim Löw – der Gescheiterte

Joachim Löw ist wieder einmal kurz vor einem Titel gescheitert.

Lesen Sie dazu auch: Das Sommermärchen ist zu Ende.

WM 2006 (damals zwar nicht Teamchef, aber verantwortlicher Trainer), EM 2008, WM 2010 und jetzt die EM 2012.
Soll das denn immer so weitergehen?
Im entscheidenden Moment versagen Trainer und Mannschaft die Nerven.
Werden wir mit dieser Kombination jemals einen Titel holen? Ich glaube nicht.
Moderner Fußball von jungen Spielern ist ja schön und gut, aber es kann doch nicht sein, dass diese Mannschaft versagt, sobald es mal gegen einen „Großen“ um etwas geht. Ich will hier die Erfolge bei dieser EM nicht kleinreden, aber Griechenland, Portugal, Dänemark und Holland waren jetzt wirklich dankbare Gegner. Nichts, wovor man Angst haben musste. Und diese Spiele haben wir mit Ausnahme auch nie souverän über die Bühne gebracht.

Angeblich haben wir in dieser Mannschaft Spieler, um die uns alle Welt beneidet. Man redet von einem Jahrhundert-Team bzw. einer Goldenen Generation. Gerade letzter Begriff macht mir Angst: alle Nationateams, die man bisher so bezeichnete haben keine Erfolge vorzuweisen. Siehe Portugal, siehe Tschechien …
Mich beschleicht nur das Gefühl, dass die deutsche Elf nie einen Titel holen wird, obwohl sie das größte Potential auf dem Platz und der Ersatzbank hat. Wenn die Spieler nichts dafür können, liegt es dann am Trainerstab?

Löw als Motivator

Warum schafft es dieser Löw nicht, die Mannschaft in den wichtigen Spielen genügend zu motivieren und taktisch entsprechend einzustellen? Ich spreche damit nicht nur das Spiel gegen Italien an. Auch die Niederlagen in den Turnieren zuvor waren weder unglücklich noch unverdient. Die wurden einfach unnötig in den Sand gesetzt.
Da sieht man kein Aufbäumen, kein Dagegenhalten wenn die Mannschaft in Rückstand gerät. Dieser Wille das Spiel zu drehen, wo ist der? Hat es so eine Einstellung bei Matthias Sammer und – ja auch – Michael Ballack in der Nationalelf gegeben? Spieler wie Ballack, unbequem aber echte Typen, wurden von diesem Teamchef aussortiert.
Und, das muss man hier auch sagen, es fängt schon damit an, dass die Spieler vor Beginn nicht einmal die Hymne mitsingen. Die Ausreden Gründe dafür sind mir völlig egal. 11 Freunde sollt Ihr sein – (im übertragenen Sinne) und nicht 11 seelenlose Fußball-Beamte.
Man schaue sich nur mal die Italiener an. Die grölen ihren Schmonzes in den Nachthimmel, dass es eine Freude ist. Denen wurde die Leidenschaft wahrscheinlich schon mit der Muttermilch verabreicht.

Löw der Taktikfuchs

Diese verkorkste Aufstellung, da brauchen wir nicht drüber reden. Die ging völlig in die Hose. Erst wird herumposaunt, wir schauen nicht auf den Gegner. Wir ziehen unser Spiel auf und setzen auf unsere Stärken … Und dann wird doch alles im Hinblick auf Italien arrangiert. Dann funktioniert es nicht einmal. Gut, man kann sich mal verkalkulieren, aber doch nicht mit Ansage!

Schon diese Theater um Schweinsteiger. Rinn inne Kartoffeln, raus ausse Kartoffeln. Mal heißt es, er ist angeschlagen, mal er ist fit. Mal möchte er selbst pausieren und dann hält er sich wieder für unverzichtbar. Da hätten wir uns alle einfach einmal ein Machtwort gewünscht.

Bisher hat jeder Bundestrainer letztlich auf das Blocksystem gesetzt. Das ist im Prinzip nicht verkehrt – wer im Verein gut miteinander harmoniert, könnte das in der Nationalef genauso tun. Aber weshalb Jogi Löw überdeutlich auf den Bayernblock gesetzt hat, wird nur er wissen. Die Bayern, die in dieser Saison mit ihrer behäbigen und langsamen Spielweise zu Recht mit drei 2. Plätzen bestraft wurden. Dortmunder Spieler wissen, wie man ein Spiel schnell macht. Es wären auch genügend im Kader gewesen, um sie einzusetzen.

Welche guten Geister haben ihn verlassen, als er Podolski brachte? Gomez?
Wie erklärt man einem Marko Reus, Miroslav Klose und einem Andre Schürrle, nachdem sie Griechenland durcheinandergewirbelt haben, dass es jetzt wieder Poldi und der wundgelegene Gomez richten sollen? Dass die ausgebooteten Spieler so mannschaftsdienlich die Klappe halten und sich wahrscheinlich noch für die Kollegen „freuen“ spricht für die weichgespülte Einstellung, die Löw diesen jungen Menschen eingeimpft hat.
Diese falsch verstandene Nibelungentreue zu „verdienten“ Spielern hat schon anderen Bundestrainern den Kopf gekostet.

Löw der Konzepttrainer

Dem heutigen Fußball ist definitiv der Spaß und die Spielfreude abhanden gekommen!
Bestes Beispiel Spanien. Die spulen ihr Programm ab und das wars.
Ich weiß, das Rad lässt sich nicht zurückdrehen und viele werden mir sagen: finde Dich damit ab oder such Dir eine andere Sportart. Schon klar. Aber man muss auch mal darauf hinweisen, wie diese Entwicklung zustande kam. Das ist ja nicht aus heiterem Himmel über uns gekommen.
Mir ging es schon 2005/2006 auf den Keks, dass Klinsmann und seine Helfershelfer von der Weltmeisterschaft nur als „Projekt“ sprachen. Projekt planen, Projekt abwickeln und danach Kassensturz und auf zum nächsten.
2006 im eigenen Land hatte das dennoch gut funktioniert. Das lag vor allem an der Mannschaft und ihrem in Anfängen vom Hurra-Stil geprägten Fußball. Stars wie „Poldi und Schweini“ wurden geboren, Michael Ballack zum Capitano.
Das änderte sich alles mit der Machtübernahme von Jogi Löw. Es gab zwar richtig gute Spiele wie gegen England und Argentinien, aber auch nur weil es die richtigen Gegner waren. Gegner die uns von der Spielweise lagen. Ansonsten nur noch taktisches Gedöns. Angsthasenfußball. Hohe Bälle und der lange Pass wurden verboten. Geächtet. Genau mit diesen langen Pässen hat Italien uns bezwungen.

Was noch? Dieses Formen der Spieler geht mir gegen den Strich. Ein Bundestrainer ist nicht dazu da, die Spieler jeden Tag ein bischen besser zu machen. Dafür ist die Ausbildung und das Training im Verein da. Ein Trainer schaut, welches Potential ist vorhanden und wie setze ich dies gewinnbringend ein. Aber nein, da werden Spieler in ein Korsett, in eine Funktion gepresst, weil es das System so vorschreibt.
Für die allgemein heute vorherrschende Abschottung der Mannschaften (Geheimtraining, social media Maulkorb, nichtssagende Pressekonferenzen) kann der Löw wohl nichts. Aber ich vermute, es liegt dennoch in seinem Interesse und erhält högschde Zuschdimmung. Lieber DFB, die Mannschaft ist komplett langweilig geworden. Die Bindung zum Fan ist weg. Die Stimmung beim Public Viewing (mit Ausnahme der Fanmeile) war gesetzt bis gelangweilt. Aber so ist das, wenn man nur Schürrle und Reus beim Tischtennis zeigt.

Fazit

Natürlich kamen schon auf dem Rückflug nach Deutschland die mehr oder weniger zaghaften Anfragen, ob der Herr Löw denn weitermache und wie er sich seine „Zukunft vorstellen könne“. Das sind selbstverständlich verkappte Rücktrittsfragen.
Ich persönlich weiß nicht, ob ich mir einen Rücktritt wünsche. Wenn man 2., 3. oder auch 4. Plätze mag, kann man seit 10 Jahren sehr zufrieden sein. Wenn man sich nach 1996 wieder einen Titel wünscht, nicht.
Andererseits sehe ich bis auf Matthias Sammer (oder mal einem ausländischen Trainer!) keinen geeigneten Alternativkandidaten.
Joachim Löw ist von seinem System auch so überzeugt, dass ich wenig Spielraum für Veränderungen oder Justierungen sehe. Deshalb wird es auch nach dem Ausscheiden 2014 lauten: die Mannschaft entwickelt sich halt noch, man muss ihr die Zeit geben. Permanent und ständig.

Wer sich noch alles so Gedanken drüber macht – Netzlese

Nachtrag: Dieser offene Brief von Arnd Zeigler auf Facebook (den ich sonst sehr schätze). Natürlich schlägt die BILD-Zeitung über die Stränge. Aber wieviel Sinn macht es, sich darüber aufzuregen, dass die BILD wie die BILD ist?
Ich habe auch zu diesem Thema selten eine unreflektiertere Lobeshymne als diesen Brief gelesen. Das wird nur noch durch die weichgespülte Spielanalyse des Experten Mehmet Scholl erreicht. Und den Verweis auf Robert Enke hätte er sich echt sparen können.

Eine regelrechte kleine Artikelperle – Kaisergrantler

Deutschland vs. Italien: Löw verrennt sich | Ballverlust.net – schön zu lesen

Jogi Löws erste große Niederlage – fundierte Analyse bei schwatzgelb.de

Auch ein interessanter Aspekt – echte Fans und Jubelperser.

Und Stefan Niggemeier versucht sich ebenso an einer Erklärung über den Gemütszustand des BILD-lesenden Fußballfans: Deutschland ringt um Fassung

Deutschland – Italien bei allesaussersport.de

Hier die Analyse auf Spielverlagerung

Irgendwie auch tragisch. Sie hätten Irland mit 12:0 vom Platz fegen, es hätte an der Situation und vor allem der Wahrnehmung der Nationalelf und ihrem Trainer nichts geändert. Da sind die Beteiligten durch eine katastrophale Kommunikation aber auch selbst schuld: Joachim Löw und die titellose Amtszeit | sportschau.de

7 Kommentare:

  1. So sehe ich das auch. Ergänzen möchte ich noch: 1974 und 1990 war immer ein wenig Stunk in der Mannschaft. Da musste man beweisen, dass man etwas kann. Und die Titel wurden geholt. Die Mannschaft ist bequem geworden. Vor allem für die DFB-Funktionäre. Wenn sich etwas Grundlegendes ändern soll, muss ein Vorrundenaus her. Das ist bei einer WM schlicht nicht möglich. Aber eine Änderung (Hoffnung?) gibt es, wenn auch nicht beim DFB. Dieses Scheitern ist das erste, was von den Fans nicht gefeiert wird.

    • Für ein Vorrundenaus ist diese Mannschaft leider zu stark; das wird also nicht passieren. Wenn wir das gleiche Fallobst an Qualifikationsgegner bekommen wie beim letzten Mal, wird es auch dort nichts mit einer heilsamen Änderungskur.
      Es wird also auf Jogi Löw ankommen, doch etwas in seinem System zu ändern. Ob er dazu bereit ist, zweifel ich aber an.

  2. „[…], aber Griechenland, Portugal, Dänemark und Holland waren jetzt wirklich dankbare Gegner.“

    Ungefähr bei dem Satz hätte man dann auch schon aufhören können zu lesen.

  3. Bei Markus Lanz hat Giovanni Zarella etwas sehr Klares dazu gesagt:

    “ … gegen Portugal ein gutes Spiel, was aber eigentlich ein Unentschieden hätte werden müssen. Gegen Holland hat sogar Dänemark gewonnen und gegen Dänemark mussten wir gewinnen, allein weil die in der Weltrangliste zwischen Platz 20 und 30 stehen. Griechenland … da fragt man sich sowieso, wie die es dahin geschafft haben. Und dann kommt das erste Mal eine Mannschaft, die mit System spielt … und Deutschland steht vor Problemen“ (sinngemäß)

    Genauso sehe ich das auch.

  4. Hat mich schon in der Sendung aufgeregt. Dänemark ist in der aktuellen Weltrangliste Platz 9 (vor Portugal und Italien) und Griechenland immer noch 15. Argumente gerne, aber bitte halbwegs korrekte.

  5. Muss mich meinen Vorrednern anschließen. Dieser Kommentar krankt an zwei unbewiesenen, letzten Endes unhaltbaren Behauptungen.
    Zum einen:
    Das Statement, dass die deutschen Vorrundengegner dankbare Gegner waren (und damit impliziert, dass sie zu den schwächeren Teams im Turnier gehört hätten) spricht eigentlich schon genug für den fehlenden Sachverstand des Autors. Zur Erinnerung: Portugal verlor gegen Spanien erst im Elfmeterschießen.

    Zum anderen: Okay, dieser Kommentar wurde vor dem Endspiel verfasst, aber das war dann vielleicht ein bisschen verfrüht. Denn davon, dass dem heutigen Fußball der Spaß oder die Spielfreude abhanden gekommen sei, konnte man da wirklich in keiner Sekunde sprechen.
    Auch die deutsche Mannschaft hat während vergangener Großturniere vor 2006 nicht unbedingt mit Spaß und Spielfreude überzeugt. Insofern macht diese Behauptung im historischen Kontext wenig bis gar keinen Sinn.

    Die Abschnitte zu „Löw als..“ habe ich dann gar nicht mehr gelesen.

    • Tja, wer nicht alles liest, bekommt eben nicht alles mit.

      Zu den dankbaren Gegnern ist eigentlich alles gesagt worden. Vielleicht wollen Sie ja noch einmal auf die Rolle Hollands als Vorrundenschreck zu sprechen kommen. Ach nein, die sind ja mit 0 Punkten nach Hause gefahren und haben trotz ihres unglaublichen Spielerpotentials den Trainer vor die Tür gesetzt.
      Das mag jetzt vielleicht etwas polemisch und schnippisch klingen, aber bei so selbsternannten Sachverständigen reizt es mich einfach auch in den Fingern.

      Sie haben also eine spaß- und spielfreudige EM gesehen? So alles in allem, teilweise oder nur ansatzweise?

      Ja, in Ansätzen habe ich einige nette Spiele gesehen. Die Betonung liegt auf nett. Ich kann mich sogar daran erinnern, dass nicht wenige Experten von einem enttäuschend aufspielenden Weltmeister Spanien gesprochen haben. Deckt sich mit meinen Beobachtungen, obwohl man hier „enttäuschend“ nicht mit „schwach“ verwechseln sollte. Dass sie andere Mannschaften mit einem Minimum an schönem, aber taktisch reichhaltigem Fußball bezwingen können, haben sie hinreichend bewiesen.

      Niemand hat außerdem behauptet, dass sich Fussballliebhaber vor 2006 in einem Schlaraffenland wähnen konnten. Und trotzdem hat es der später viel kritisierte Rudi Völler geschafft, mit einer spielerisch weit limitierteren Mannschaft bis ins Finale 2002 vorzustossen. Im Gegensatz zu den heutigen Fussballrobotern und Motivationszwergen von Jogis Gnaden war damals ein Sieg nicht undenkbar.

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