Protest gegen Bologna – oder warum ein Professor seinen Lehrstuhl räumt

Ich möchte jetzt einmal über einen Fall berichten, der mich schon seit längerer Zeit beschäftigt.
Es geht um den sehr ungewöhnlichen Protest des Theologieprofessors Marius Reiser aus Mainz gegen das neue Hochschulmodell.

Aus einem Gefühl der Enttäuschung, des Widerstandes und der persönlichen Ohnmacht gegenüber der Bologna-Elite bat Prof. Reiser (etwa 10 Jahre vor seiner eigentlichen Emeritierung) um seine
Demission vom Lehrstuhl. Das wäre, als würde Herr Ackermann von der deutschen Bank über Nacht hinschmeissen und auch noch auf die Abfindung verzichten. Selbstverständlich hinkt der Vergleich aus finanzieller Sicht.

„Ich bin nicht „rekrutiert“, sondern berufen worden. Die wichtigste Voraussetzung für meine Berufung aber ist mit dem neuen System in meinen Augen nicht mehr gegeben. Deshalb habe ich die Entlassung aus dem Dienst beantragt.“
(M.R. in Quelle)

Die ganze Vorgeschichte und seine Begründung auch unter derselben Quelle.

Während die deutsche Hochschullandschaft mehr oder weniger verzückt vom europäischen Hochschullraum, Internationalisierung und Elite-Universitäten spricht, formiert sich an anderen Stellen verhaltener Widerstand gegen die Totgeburten des sogenannten Bologna-Prozesses.
Um das nicht falsch zu verstehen, die ablehnenden Haltungen werden schon lautstark und drastisch vorgebracht – nur leider nicht von Verantwortlichen auf universitärer Ebene (obwohl … weiter unten mehr dazu).

Prof. Marius Reiser ist hier die seltene Ausnahme. Aus Protest über das Chaos, dass die Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge hinterlassen hat, gab er zum Ende des Wintersemesters 2008/2009 seinen Lehrstuhl an der Universität Mainz auf (ehemalige Webseite an der Uni Mainz)
Um auch hier wieder etwas zu relativieren: selbstverständlich äußern sich auch andere hochrangige Vertreter der Uni-Hierarchie gegen das übergestülpte Bildungsmodell, aber mir ist kein Fall bekannt, in dem ähnliche persönliche Konsequenzen gezogen wurden. Es mag beim ersten Hören vielleicht auch etwas unglaubwürdig klingen, dass ein verbeamteter Professor seine gesicherte Stellung aufgrund einer inneren Protesthaltung aufgibt.
Aufgrund der bisher erschienenen Interviews und auch aus der persönlichen Konversation mit Herrn Reiser gehe ich aber davon aus, daß dies auch seine tatsächliche Motivation ist.

Es hörte sich auch alles gut an. Schaffung eines einheitlichen europäischen Hochschulraumes, Verkürzung der Studiendauer, Entrümpelung der Lehre und eine Verringerung der Abbrecherquote.
Den hohen Ansprüchen folgte (vor allem in Deutschland) das typische kleingeistige Formalisieren auf Verwaltungsebene. Sicherlich wäre es mit den durchaus notwendigen Reformen nichts geworden, wenn es keinen Impuls von Außen gegeben hätte. Aber gut gemeint und gut gemacht sind immer noch zwei unterschiedliche Dinge.
Anstatt auf „Fördern und Fordern“ zu setzen, wirkliche Anreize zu schaffen und genau hinzuschauen, ob jedem Fach geholfen ist, indem man es mit Modulen, Creditpoints und anderen Dingen ausstattet – hat man die „von Oben nach Unten“ Methode bemüht.
Ich kann es kurz machen. Da mir die grosse Gnade gewährt wurde, dem Entstehungsprozess mehrerer Bachelor- und Masterstudiengänge beizuwohnen – kann ich mit Überzeugung sagen: ein Schlag ins Wasser!
Die Professorenschaft selbst hätte am liebsten alles so gelassen, wie es war. Das alte System hatte zwar seine gravierenden Fehler, aber mit Bachelor und Master wurde der Teufel mit dem Belzebub ausgetrieben. Gerade die Studierenden, die diesen verkorksten Unsinn ausbaden müssen, wurden bei der Planung überhaupt nicht mit einbezogen. Jetzt wundert man sich, daß sie von selbst über das neue Modell abstimmen. Und zwar mit den Füssen. In vielen Fächern ist die Abbrecherquote mittlerweile höher als bei den alten Studiengängen.
Die Verschulung des Unibetriebes kann nur in Schmalspurabschlüssen enden. Der Bachelor als berufsqualifizierender Abschluß – davon träumt nicht einmal mehr die Hochschulrektorenkonferenz. Hoffentlich …

„Heute würde ich nicht mehr studieren wollen“.

Das hört man allerorten. Den gegenteiligen Satz nicht. „Ein sechssemestriges Studium – für welchen Beruf soll das genügen?

„Wenn wir die Leute jetzt mit einem Bachelor-Abschluss wegschicken, schicken wir sie ins pure Nichts. Sie werden keinen Beruf finden.“ (M.R. in Quelle)

Die Vorbereitung auf den internationalen Arbeitsmarkt ist schon ein dreister Deckmantel. Als ob es zu Zeiten von Diplom und Magister kein Auslandsstudium oder -praktika gegeben hätte. Wer eine zeitlang im Ausland studieren wollte, hat dies auch schon vor dem Bachelor getan. Und wer sich eine gute Qualifikation erarbeitet hat, hat auch später im Ausland eine Anstellung gefunden. Es ist eine Ironie, dass gerade im Bereich der internationalisierten Studiengänge Auslandsaufenthalte schwieriger geworden sind. Einige Professoren, welche die Platzvergabe für ein Austauschsemester im Ausland verwalten, berichteten mir, daß es mittlerweile richtig schwierig sei, Freiwillige zu finden. Und das bei früher heißbegehrten Möglichkeiten dem drögen Studienalltag zu entfliehen.

„Die Erfahrung von Studenten zeigt aber, dass Auslandssemester in der Praxis viel schwerer durchzusetzen sind, als es der Bologna-Prozess vorsieht. „Auslandssemester sind im Bachelor-Studium kaum möglich, weil manche Studien-Module über zwei oder drei Semester verzahnt sind“, klagt Anja Gadow vom Vorstand des Freien Zusammenschlusses von StudentInnenschaften (fzs).“ (Anja Gadow in Quelle)

Ob da dann auchimmer eine Hinterfragung der eigentlichen Ursachen stattgefunden hat, kann ich so nicht bestätigen. In vielen Fällen macht man es sich leicht und schimpft einfach über die heutige Jugend. Ein seit Aristoteles bewährtes Prinzip.

Marius Reiser hat wie viele seiner Kollegen die Mißstände gesehen und erkannt, daß der Einzelne nichts gegen Wunschträume ausrichten kann, wenn sie von Politikern, Staatsbeamten und Akkreditierungsanstalten
vehement durchgedrückt werden. Also hat er seine ganz persönliche Konsequenz gezogen. Den Rücktritt aus Protest. Jetzt mag man dies befürworten oder als das Stehlen aus der Verantwortung interpretieren – Aufsehen hat es in jedem Fall erregt.
Die Resonanz wäre erheblich größer, würde es sich etwa um einen deutschen Nobelpreisträger aus einem Prestigefach handeln, aber zu erwarten ist dies nicht. Wissenschaftler auf dieser Ebene sind mittlerweile von ihrer Umwelt losgelöst und haben sich dem universitären Alltag weitestgehend entzogen. Somit war dieser Protest zwangsläufig von einem Vertreter eines Orchideenfaches (bei allem Respekt gegenüber der Theologie und Philologie) zu erwarten. Herr Reisers Vorgesetzte waren wohl etwas überrascht, scheinbar kommt eine Bitte um Demission aus Gewissensgründen
in Rheinland-Pfalz nicht gerade häufig vor. Da man wegen eines Professors für Theologie und Philologie keine Grundsatzdiskussion über Studiengänge in Mainz lostreten wollte, hat man sich dann dafür entschieden, dem Lehrstuhlinhaber seine Demission zu bewilligen. Ein Nachfolger wird sich finden lassen oder die Gelegeneit ist da, wieder ein ungeliebtes Fach zu schliessen.
Im Uni-Präsidium und Wissenschaftsministerium war man auch mehr über die Zeitungsartikel verärgert als über den Sachverhalt an sich. Alles in allem ist das Ausdruck für die „Augen zu und durch“ Mentalität, die derzeit bei den Lehrenden herrscht.

„Meine Kollegen waren sehr betroffen. Viele von ihnen sagten mir, ich hätte mit meiner Kritik am Bologna-Prozess grundsätzlich Recht, man müsse aber jetzt in den sauren Apfel beißen.“ (M.R. in Quelle)

Einige Vertreter sind der Meinung, bei Marius Reisers Protest handele es sich um das Richtige zur falschen Zeit. Bologna sei ja kein abgeschlossener Prozeß sondern ein Vorhaben, das permanent auf dem Prüfstand stehe.
Es könnte also gut sein, daß die von Herrn Reiser angesprochenen Probleme in einer Reform der Reform ausgeräumt werden.
Persönlich rechne ich nicht damit. Die derzeit auftretenden Schwierigkeiten sind systemimmanent. Ich wüsste auch niemanden, der den Mut hätte, das bisherige Scheitern einzugestehen. Da ist viel Stolz und Angst vor der eigenen Courage im Spiel. Und das ist für eine objektive Betrachtung und für pragmatische Entscheidungen eher hinderlich.
Zumindest ist man in sehr diplomatischen Worten schon vom Ziel 2010 – Umstellung auf das neue Hochschulmodell abgekommen.

Was bleibt ?
Ein Lehrstuhlinhaber, der einen bis dato einmaligen Protestweg geht und ein Bildungsdampfer, der mit Volldampf den falschen Kurs steuert. Erstes wird bald vergessen sein, beim Zweiten ist der Leidensdruck noch nicht ausreichend. Bei Lehrenden und Studierenden gleichermaßen, denn die ergeben sich mit bemerkenswerter Ruhe und Gelassenheit ihrem Schicksal.

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