Karte visualisiert Verteilung der Facebook Kontakte

Ich bin in einer Newsmeldung auf eine Karte gestoßen, welche der Facebook Praktikant Paul Butler nach Auswertung von 10 Millionen Benutzerprofilen der Facebook Plattform erstellt hat.
Die Karte zeigt angeblich die Verteilung der Beziehungen („Freundschaften“ auf Facebook Deutsch) der Facebook Kontakte.

Die Karte habe ich von der entsprechenden Facebook Seite hier eingebunden. Zur Seite geht es hier -> Kartenquelle

Karte der Facebook Kontakte | Quelle Facebook

Meine Kritik zur Karte können Sie nachfolgend lesen.

Sinn und Zweck der Facebook Karte

Paul Butler beschreibt seine Motivation so:

„When the data is the social graph of 500 million people, there are a lot of lenses through which you can view it. One that piqued my curiosity was the locality of friendship. I was interested in seeing how geography and political borders affected where people lived relative to their friends. I wanted a visualization that would show which cities had a lot of friendships between them.“ (Quelle: Facebook Seite zur Karte, abgerufen am 14.12.2010)

Gut, so sehr mich auch der hinterstehende Gedanke bei der Karte nicht überzeugt, so groß wäre aber meine Erwartung auf die Umsetzung eines an sich spannenden Themas.

Auswertung der Benutzerprofile

Wie auf dieser Facebook Seite nachzulesen ist, wertete Paul Butler in etwa 10 Millionen Benutzerprofile aus, die er von Apache Hive, dem von Facebook eingesetzten Data Warehouse System bezog.

Nach welchen Kriterien diese 10 Millionen Profile ausgewählt wurden (falls überhaupt gezielt) und wie sie sich zusammensetzen, ist nicht weiter bekannt. Bei einer propagierten Anzahl von 500 Millionen Facebooknutzern, frage ich mich schon, wie es sich mit den anderen 490 Millionen verhält.

Kritik zur Facebook Karte

Die Anmerkungen und Erklärungen zur Facebook Karte habe ich dieser Quelle entnommen ->Link zur Facebook Seite

Eine vergrößerte Version der Karte können Sie hier betrachten -> Karte (Achtung, 3.8 MByte Dateigröße).

Was als erstes auffällt, ist dies: es sieht schon beeindruckend aus!

Damit hat es sich aber auch schon.

Die Karte funktioniert nicht. Was sagt mir denn dieses Liniengewirr? Genau! Nichts! Außer, dass es ganz schön viel Facebook auf der Welt gibt und dass sich Leute damit vernetzen.

Als thematische Karte kann man diese Darstellung nicht bezeichnen. Ich würde es eher Bild, Graphik oder kartenverwandte Darstellung nennen.

Dieser Karte fehlt so einiges, um sie als echte Karte ernst zu nehmen.

  • Kartentitel: Jede Karte sollte einen aussagekräftigen Titel führen, damit man von vornherein weiß, worum es überhaupt geht
  • Autor/Impressum: Wer ist der Kartograph/die Kartographin? Woher stammt das statistische Material?
    Bis auf den dicken Facebook Schriftzug in der Ecke links unten vermisse ich das alles.
  • Legende: Karten arbeiten normalerweise mit eigenen Zeichensystemen, die üblicherweise in einer Legende erklärt werden. Eine Legende ist sozusagen die Entschlüsselungshilfe für das, was wir in abstrakten Symbolen und Zeichen auf der Karte sehen und was zur Darstellung des Themas nötig ist. Fehlt hier völlig.
  • Ungenügende Darstellung: Die u.D. schließt eng an das Thema „fehlende Legende“ an. Es sollte jedem klar sein, dass bei der Auswertung von so etwas Komplexem, wie den „Freundschaftsbeziehungen“ von 10 Millionen Menschen besonders viel Wert auf die richtige Methode der Darstellung gelegt werden muss – will man nicht völlig am Thema vorbei kartographieren. Einfach den Rechner Linien zwischen den Facebook Nutzern (die geographischen Koordinaten wurden anhand des Wohnortes ermittelt, den Facebook Nutzer im Profil angeben müssen, wobei das stimmen kann oder auch nicht. Die Verifizierung der Daten ist m.E. nicht gegeben. Wieviel von den ausgewerteten Profilen werden Fake-Accounts sein?) ziehen lassen, kann es ja wohl nicht sein. Die moderne Kartographie bietet durchaus brauchbare Methoden, um mit linienhaften Objekten graphisch einwandfrei zu arbeiten. Paul Butler erklärt zwar einige seiner Schritte bei der Datenaufbereitung – unter anderem erfährt man, dass er sich der Programmiersprache R bedient hat (R wird hauptsächlich im Statistikbereich eingesetzt) – aber von Überlegungen hinsichtlich der kartographischen Darstellung im Vorfeld erfährt man nichts. Die Wahl der kartographischen Mittel beruht eher auf dem Versuch-Irrtum Schema. „Gut, dass sieht jetzt schon besser als zuvor aus und jetzt probieren wir noch das“.
    Kartographen gehen anders an die Aufgabe heran!
  • Geographische Basisinformationen: G.B. meint hier einen Hintergrundlayer, der das eigentliche Thema der Karte räumlich einordnet. Also hätte man sich eine Darstellung der Kontinente, Ländergrenzen und der wichtigsten Städte mit Bezeichnung gewünscht. All das fehlt oder ergibt sich nur andeutungsweise aus der Themendarstellung.
  • Kartenprojektion: Paul Butler deutet ja selbst an, dass es in der Kartographie so einen Problemkomplex namens Projektionen gibt, geht aber dennoch nicht weiter darauf ein. Dabei wäre gerade in seinem Fall die Klärung der Frage, welche Projektion er verwendet hat, durchaus von Interesse gewesen. Bei seiner Karte verwendet er eine Projektion, die eine Stauchung der Landflächen zu den Polen hin bewirkt. Das ist vor allem daher ungünstig, da Nordamerika und Europa, sozusagen die Facebook Bastionen, davon betroffen sind.
  • Maßstab: Eine Karte sollte immer eine Maßstabsangabe enthalten. Am besten in graphischer Form, da die Mehrzahl der Kartennutzer mit numerischen Angaben wenig anfangen kann.
    Ohne Maßstabsangabe sind die Kartennutzer auf sich allein gestellt, wie sie die dargestellten Verknüpfungen von den Entfernungen einschätzen sollen. Ich finde, die Angabe von Entfernungen bringt bei diesem Thema nur wenig Nutzen, vor allem, wenn man den nächsten Kritikpunkt heranzieht.
  • Orthodrome: Die Verwendung von Orthodromen als Teil von Großkreisen erschließt sich mir nicht. Für den in der sphärischen Geometrie Unberührten sei kurz gesagt, dass Orthodrome die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten auf einer Kugeloberfläche (also ähnlich der Erde) darstellen. Eine Tatsache, die im Bereich des Internet eigentlich keinen Sinn ergibt, oder?! Da Paul Butler keinen Maßstab auf seiner Karte angibt (weder graphisch noch numerisch) und wir aufgrund der fehlenden Projektion auch nicht wissen, ob die Abbildung auch längentreu ist, hilft uns das Wissen um die Orthodrome im Zusammenhang mit der virtuellen Natur des Internets auch nicht viel weiter.
  • Einzelkarte/Kartenserie: Die Zahl der Beziehungen ergibt sich, oh Wunder, aus der globalen Verteilung der Facebooknutzer. In Europa und Nordamerika gibt es die meisten Menschen mit einem Facebook Account. Daher verwundert es nicht, dass besonders viele Beziehungen innerhalb dieser Kontinente und zwischen diesen existieren. Das klingt trivial, fällt aber dennoch nur den wenigsten Kartennutzern auf (zumindest bei den Kommentaren oder Netzartikeln, die ich gelesen habe).
    Um dieses Problem zu umgehen, wäre ich von der Einzelkarte abgegangen und hätte daraus eine Kartenserie gemacht. Begonnen hätte ich mit einer Karte über die Verteilung der Facebooknutzer, absolut wie relativ bei Einblendung weiterer Kennzahlen (Internetzugänge, Anteil an der Gesamtbevölkerung usw.). Mit diesem Vorwissen ließe sich aus dieser Verteilungskarte der Beziehungen viel mehr herauslesen.
    Ich wäre auch nicht gleich mit einer Weltkarte ins Rennen gegangen. Vielleicht hätte ich mir einen Kontinent oder ein Land herausgesucht und mit einem anderen verglichen (falls Staatenzugehörigkeit bei Facebookkontakten noch eine Rolle spielt), diese Aufgabe wäre schon schwierig genug.
  • Negativkontrast: Ich weiß nicht, dieser dunkelblaue Hintergrund mit diesen hellen Lichtzonen und hellblauen Linien erinnert mich irgendwie an diese Kalenderphotos, auf denen die „Erde bei Nacht“ abgebildet ist. Sie kennen das wahrscheinlich. Hat sich eigentlich noch niemand die Frage gestellt, wie es sein kann, dass es auf der ganzen Erde gleichzeitig Nacht ist? Oder warum es zufällig überall wolkenlos ist?
    Jedenfalls hat eine Verteilungskarte von sozialen Kontakten doch nichts mit einer Darstellung von künstlicher Beleuchtung oder Elektrisierung zu tun. Schade, dass Paul Butler auf diese Darstellung ausgewichen ist (wahrscheinlich per ordre de mufti, da Facebook-Blau), da sie von der Aussage her schon „vorbelegt“ ist. In diesem Fall ist unklar, was jetzt Land und was Wasserfläche ist.
    Ich finde Negativdarstellungen für Karten sowieso ungünstig.

Insgesamt sehe ich eine interessante Ausgangsfrage, aber eine suboptimale Umsetzung des Themas.
Was man hier sieht, ist keine Karte in dem Sinne, sondern eher ein schön gemachtes Bild, was in einem Jahreskalender gut aufgehoben wäre.
In diesem Bereich existieren durchaus gute kartographische Darstellungen, über die aber niemand berichtet, weil der Facebook Vertriebsweg und se szoschiell Middia Kommjunitie fehlt.

Es ist letztlich eine gute Facebook Werbung.

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